top of page

Was uns die kleine Raupe Nimmersatt über Kinder und Essen erzählen kann

vor 4 Stunden
5 Min. Lesezeit

Wer kennt sie nicht, die kleine Raupe Nimmersatt?

Sie hat Hunger. Und sie isst. Und sie isst noch mehr. Am Montag einen Apfel, am Dienstag zwei Birnen, am Mittwoch drei Pflaumen, am Donnerstag vier Erdbeeren und am Freitag vier Orangen. Am Samstag wird es dann richtig bunt: Kuchen, Eis, Gurke, Käse, Salami und vieles mehr. Am Abend hat die kleine Raupe Bauchschmerzen. Am nächsten Tag isst sie nur noch ein grünes Blatt. Danach fühlt sie sich satt. Kurz darauf zieht sie sich zurück, baut einen Kokon – und wird schließlich zum Schmetterling.


Eine einfache Geschichte über eine hungrige Raupe. Aber vielleicht erzählt sie uns auch etwas darüber, wie wir auf Kinder schauen – und wie wir sie beim Essen begleiten.


Die Raupe muss nicht möglichst schnell zum Schmetterling werden.

Wenn wir von Entwicklung sprechen, denken wir oft an eine Bewegung nach vorne: größer, selbstständiger, kompetenter – bis irgendwann das Ziel erreicht ist: der erwachsene Mensch.


Der Entwicklungspsychologe Paul Baltes hat Entwicklung anders beschrieben: Sie ist lebenslang, multidirektional und nicht einfach eine lineare Bewegung von „weniger“ zu „mehr“. Wir sind immer zugleich geworden und werdend.


Das gilt auch für Kinder. Ein Kind ist nicht einfach ein „zukünftiger Erwachsener“. Ein Kind ist ein Mensch, der jetzt lebt.


Auch unsere Vorstellung davon, was Kindheit ist, ist nicht selbstverständlich. Sie ist kulturell und historisch geprägt – darauf hat unter anderem der Historiker Philippe Ariès hingewiesen.

Das eine schließt das andere nicht aus.


Und was hat das mit Essen zu tun? Sehr viel.


Denn auch beim Essen betrachten wir Kinder manchmal vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Zukunft: Was müssen sie heute essen, damit sie später gesund sind? Wie verhindern wir Übergewicht? Wie sorgen wir dafür, dass sie genug Vitamine, Mineralstoffe und Eiweiß bekommen?

Diese Fragen sind wichtig. Erwachsene tragen Verantwortung für die Ernährung und Gesundheit von Kindern. Aber Essen ist nicht nur eine Investition in die Zukunft. Essen gehört zum gegenwärtigen Leben eines Kindes. Es ist Genuss und Gemeinschaft. Sinneserfahrung und Kultur. Neugier und Lernen.


Ein Kind entdeckt, dass eine Erdbeere anders schmeckt als eine Karotte und dass sich ein Teig verändert, wenn man ihn knetet. Es erlebt, was es bedeutet, gemeinsam am Tisch zu sitzen, etwas selbst zuzubereiten – und vielleicht auch einmal etwas nicht zu mögen.

Dabei lernt es nicht nur etwas über Lebensmittel. Es lernt auch etwas über sich selbst: der eigene Körper wird zu einem Ort, den ein Kind nach und nach kennenlernt.


Freiheit braucht einen Rahmen

Wenn wir sagen, Kinder sollen ihren eigenen Weg gehen, könnte man daraus leicht schließen: Dann sollen sie beim Essen eben selbst entscheiden.

Aber so einfach ist es nicht. Ein Kind wächst nicht in einer neutralen Ernährungswelt auf.

Lebensmittel sind ständig verfügbar. Produkte werden gezielt für Kinder gestaltet und beworben. Farben, Figuren, Verpackungen, digitale Medien und Influencer machen Lebensmittel attraktiv und beeinflussen, was Kinder kennen, wünschen und auswählen.


Ein Kind kann dieser Umgebung nicht allein etwas entgegensetzen. Deshalb beginnt Selbstbestimmung beim Essen nicht damit, einem Kind einfach alle Möglichkeiten zu überlassen. Sie beginnt mit verantwortungsvollen Erwachsenen.


Erwachsene entscheiden, was eingekauft und regelmäßig angeboten wird. Sie gestalten die Essumgebung, setzen Grenzen, geben Orientierung und tragen Verantwortung dafür, dass Kinder Zugang zu einer vielfältigen und ausgewogenen Ernährung haben.

Das ist keine Bevormundung. Das ist Verantwortung. Aber Verantwortung darf nicht mit Kontrolle verwechselt werden. Der Erwachsene gestaltet den Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens braucht das Kind Raum für eigene Erfahrungen.

Ein Kind darf herausfinden, was ihm schmeckt. Und es darf lernen, dass Essen nicht ständig bewertet werden muss.


Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass Erwachsene alles abgeben. Sie entsteht, wenn Erwachsene Verantwortung dort übernehmen, wo Kinder sie noch brauchen – und dort Raum lassen, wo Kinder bereits selbst Erfahrungen machen können.


Die kleine Raupe Nimmersatt ist natürlich keine wissenschaftliche Anleitung für Kinderernährung. Aber als Bild gefällt sie mir trotzdem. Sie hat Hunger. Sie isst. Sie isst viel. Sie bekommt Bauchschmerzen. Und am nächsten Tag braucht sie etwas anderes. Niemand macht ihr daraus einen Vorwurf. Sie darf ihren Körper kennenlernen.


Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Aufgaben von Ernährungsbildung: Kinder nicht einfach dazu zu bringen, „richtig“ zu essen, sondern ihnen zu helfen, einen guten und vertrauensvollen Zugang zu ihrem eigenen Körper und zu Essen zu entwickeln.


Und damit sind wir auch bei einem Gedanken, der über Ernährung hinausgeht. Wenn wir Kinder ständig mit Blick auf ihre Zukunft betrachten, besteht die Gefahr, dass ihre Gegenwart zu einer Art Wartezimmer wird. Sie sollen heute essen, damit sie morgen gesund sind. Heute lernen, damit sie später selbstständig sind. Aber Kindheit ist keine Vorstufe zum eigentlichen Leben. Kindheit ist Leben.


Unsere Aufgabe als Erwachsene ist nicht, ihnen den Weg abzunehmen. Und auch nicht, sie völlig allein ihren Weg finden zu lassen. Aber wir können dafür sorgen, dass der Weg sicher ist. Selbstbestimmung bedeutet, dass ein Kind Schritt für Schritt lernen darf, sich selbst zu spüren und seinen eigenen Weg zu gehen.


Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft der kleinen Raupe Nimmersatt: Kinder müssen nicht möglichst schnell „richtig“ essen lernen. Sie dürfen ihren eigenen Weg zu einem guten Verhältnis zum Essen finden.


Über die Autorin:


Mag. Sara Pancot ist Ernährungstrainerin, Kinderbuchautorin und Leiterin pädagogischer Einrichtungen. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Kinderernährung, Essgewohnheiten und einer genussvollen, abwechslungsreichen Ernährung im Kindesalter.

In ihrer Arbeit verbindet sie fundiertes Ernährungswissen mit langjähriger pädagogischer Erfahrung. Sie hält Fachvorträge und bietet informative Kochkurse für Erwachsene sowie spielerische, sinnesorientierte Kochkurse für Kinder an. Dabei legt sie besonderen Wert darauf, Kindern einen positiven, neugierigen und genussvollen Zugang zu Lebensmitteln zu vermitteln. www.sarapancot.com/nutritionforlife


Bibliografie

Ariès, Philippe (1962): Centuries of Childhood: A Social History of Family Life. New York: Alfred A. Knopf. Originalausgabe: L’Enfant et la vie familiale sous l’Ancien Régime. Paris: Plon, 1960.

Baltes, Paul B. (1987): Theoretical Propositions of Life-Span Developmental Psychology: On the Dynamics Between Growth and Decline. In: Developmental Psychology, 23(5), S. 611–626. https://doi.org/10.1037/0012-1649.23.5.611

Baltes, Paul B.; Baltes, Margret M. (1990): Psychological Perspectives on Successful Aging: The Model of Selective Optimization with Compensation. In: Baltes, Paul B.; Baltes, Margret M. (Hg.): Successful Aging: Perspectives from the Behavioral Sciences. Cambridge: Cambridge University Press, S. 1–34.

Black, Maureen M.; Aboud, Frances E. (2011): Responsive Feeding Is Embedded in a Theoretical Framework of Responsive Parenting. In: The Journal of Nutrition, 141(3), S. 490–494. https://doi.org/10.3945/jn.110.129973

Hurley, Kristin M.; Cross, Amanda B.; Hughes, Sheryl O. (2011): A Systematic Review of Responsive Feeding and Child Obesity in High-Income Countries. In: The Journal of Nutrition, 141(3), S. 495–501. https://doi.org/10.3945/jn.110.130047

World Health Organization Regional Office for Europe (2022): Food marketing exposure and power and their associations with food-related attitudes, beliefs and behaviours: a narrative review. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe.

Literarische Bezugnahme

Carle, Eric (1969): The Very Hungry Caterpillar. New York: World Publishing Company. Deutsche Ausgabe: Die kleine Raupe Nimmersatt.


Publikationen der Autorin

Pancot, Sara (2022): Zwerge haben großen Hunger. Ein Kochbuch für Kinder und Erwachsene. Wien: echomedia Buchverlag. ISBN 978-3-903989-16-0.

Pancot, Sara; Richter, Johannes (2022): Kinder haben Hunger. Das Kochbuch für kleine Kinder und Erwachsene. Nutrition for Life. ISBN 978-3-200-07769-0.

Pancot, Sara (2018): Ich wäre gerne anders. Wien: G&G Verlag. ISBN 978-3-7074-2260-

Kommentare


Mit jedem Beitrag tragen Sie direkt dazu bei, das Leben von Kindern zu verbessern!

© Österreichischer Kinderschutzbund – Wien

  • Grey Facebook Icon
bottom of page