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Chancengerechtigkeit braucht mehr als Ganztagsbetreuung

vor 8 Stunden
4 Min. Lesezeit


Kommentar zum ORF-Artikel https://orf.at/stories/3440971/ und zum neuen deutschen Gesetz: Seit dem 1. August 2026 wird schrittweise ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder eingeführt.


Am 2. September 2026 wurde eine Langzeitstudie des Instituts für Höhere Studien (IHS) präsentiert. Sie bestätigt ein reales und seit Langem bekanntes Problem: Das österreichische Bildungssystem bietet keine ausreichende Chancengerechtigkeit.


Die Bildungswege von Kindern hängen stark vom Bildungshintergrund ihrer Eltern ab.

Was mich jedoch massiv stört, ist die Schlussfolgerung mancher Expertinnen und Experten, die Ganztagsschule sei die Antwort auf dieses Problem. Damit wird erneut versucht, eine hochkomplexe Herausforderung mit einer weitgehend einheitlichen Lösung zu bewältigen.


Gleiche Chancen erfordern unterschiedliche Förderung


Kinder sind nicht gleich. Chancengerechtigkeit bedeutet daher nicht, alle Kinder möglichst lange dasselbe tun zu lassen. Sie bedeutet, jedem Kind die Bedingungen zu geben, die es braucht, um sein Potenzial zu entfalten. Genau daran scheitert unser Bildungssystem.


Die Bedürfnisse unterscheiden sich erheblich:


  • Ein mathematisch hochbegabtes Kind braucht eine andere Förderung als ein Kind mit Dyskalkulie.

  • Ein Kind mit Leseschwierigkeiten benötigt andere Unterstützung als eines, das seiner Altersgruppe beim Lesen voraus ist.

  • Ein Kind, das noch nicht ausreichend Deutsch versteht, kann auch dem Unterricht in Sachunterricht, Mathematik oder Biologie nur schwer folgen.


Darüber hinaus unterscheiden sich Kinder in ihren Begabungen, ihrem Lerntempo, ihren Interessen, ihrem Entwicklungsstand, ihrer Sprache, ihrer Aufmerksamkeit, ihrem Lerntyp und ihren familiären Ressourcen.


Trotzdem organisieren wir Schule zu einem erheblichen Teil nach Alter und einem einheitlichen Modell. Gleichzeitig erwarten wir von einer einzelnen Lehrkraft, diese enorme Bandbreite aufzufangen.

Die Folgen kennen viele Familien: Sowohl Kinder mit besonderen Begabungen als auch Kinder mit Unterstützungsbedarf können durch den Rost fallen. Die einen langweilen sich und verlieren ihre Motivation; die anderen erleben ständig, dass sie nicht mithalten können. Lehrkräfte wiederum sollen unter teils schwierigen Rahmenbedingungen allen Bedürfnissen gleichzeitig gerecht werden.


Familiäre Ressourcen sind mehr als Geld


Wer dazu in der Lage ist, gleicht Defizite außerhalb der Schule aus – etwa durch Nachhilfe, zusätzliche Förderung, Lerntherapie, Gespräche mit Lehrkräften, Unterstützung bei den Hausaufgaben, die Suche nach einer geeigneteren Schule oder durch enormen persönlichen Einsatz.


Deshalb greift es zu kurz, elterliche Unterstützung hauptsächlich als Geldfrage zu betrachten. Zu den entscheidenden Ressourcen gehören auch:

  • Zeit und Bildung,

  • Kenntnisse des Schulsystems und Sprachkompetenz,

  • Kontakte, Durchsetzungsfähigkeit und Hartnäckigkeit sowie

  • die Fähigkeit, überhaupt zu erkennen, welche Unterstützung ein Kind benötigt.


Die IHS-Daten zeigen nicht, dass zusätzliche Zeit in einer Ganztagsschule die Ursachen dieser Ungleichheit beseitigt. Eine Ganztagsschule kann für manche Kinder und Familien eine hervorragende Unterstützung sein – für andere jedoch nicht.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie halten wir alle Kinder möglichst lange gemeinsam in einer Schule?


Sondern: Wie schaffen wir ein Bildungssystem, das unterschiedliche Kinder tatsächlich unterschiedlich fördern kann?


Was eine echte Bildungsreform leisten müsste


Dazu gehört, über Fragen zu sprechen, die wesentlich schwieriger sind als die organisatorische Entscheidung zwischen Halbtag und Ganztag:


  • flexible Lerngruppen und unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten,

  • individuelle Förderung und Begabungsförderung,

  • gezielte Unterstützung bei Lernschwierigkeiten,

  • Durchlässigkeit zwischen Bildungswegen,

  • ausreichend Fachpersonal sowie

  • Unterrichtsformen, die nicht für eine ganze Altersgruppe dasselbe Leistungsniveau voraussetzen.


Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Kinder in „gute“ und „schlechte“ Schülerinnen und Schüler einzuteilen. Ein Kind kann mathematisch außergewöhnlich begabt sein und gleichzeitig große Schwierigkeiten beim Schreiben haben. Ein anderes kann in Mathematik stark sein, beim geometrischen Zeichnen aber motorische Unterstützung benötigen. Wieder ein anderes ist künstlerisch besonders begabt, während Mathematik für dieses Kind zu abstrakt ist.


Viele Kinder brauchen in einem oder mehreren Bereichen intensive Unterstützung und verfügen zugleich in anderen Bereichen über außergewöhnliche Fähigkeiten. Dennoch richtet sich der Blick häufig nur auf ihre Schwierigkeiten.


Genau deshalb halte ich Einheitslösungen für den falschen Weg. Mir ist bewusst, wie schwierig eine grundlegende Veränderung des Bildungssystems wäre: Sie betrifft Strukturen, Ausbildung, Personal, Finanzierung, Gebäude, politische Interessen und nicht zuletzt Ängste vor Veränderung.

Gerade wenn wir von Chancengerechtigkeit sprechen, sollten wir jedoch den Mut haben, die grundsätzliche Frage zu stellen: Warum versuchen wir weiterhin, Kinder an ein System anzupassen, statt das System so zu gestalten, dass es sich besser an unterschiedliche Kinder anpassen kann?


Ganztagsbetreuung und der Vergleich mit der Arbeitszeit


Mehr vom bestehenden System – nur über einen längeren Teil des Tages – ist für mich noch keine Bildungsreform.

Bedenklich finde ich eine Entwicklung in Deutschland: Seit dem 1. August 2026 wird dort der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder schrittweise eingeführt. Er umfasst acht Stunden täglich an fünf Werktagen, also 40 Stunden pro Woche.

Gleichzeitig diskutieren wir bei Erwachsenen darüber, ob eine 40-Stunden-Woche noch zeitgemäß und gesund ist. In Österreich beträgt die gesetzliche Normalarbeitszeit für Erwachsene acht Stunden täglich beziehungsweise 40 Stunden wöchentlich. Die Arbeiterkammer fordert sogar eine gesetzliche Verkürzung auf 32 bis 35 Wochenstunden bei vollem Lohnausgleich.


Bei Erwachsenen sprechen wir über Arbeitszeitverkürzung, Erholung und Work-Life-Balance. Wir betonen, dass nach einem langen Arbeitstag ausreichend Zeit und Energie für Familie, Beziehungen, Bewegung und das eigene Leben bleiben müssen.

Gleichzeitig bauen wir für sechsjährige Kinder einen institutionellen Rahmen von bis zu 40 Stunden pro Woche aus.


Eine qualitativ hochwertige Ganztagsschule kann für manche Kinder bereichernd sein, insbesondere wenn ihnen zu Hause nur wenig förderliche gemeinsame Zeit zur Verfügung steht. Dennoch sollten wir fragen: Warum diskutieren wir bei Erwachsenen intensiv über die Belastung langer, institutionell fremdbestimmter Tage, während wir dieselben Strukturen für Kinder vielfach als Fortschritt feiern?


Politische Ziele offen benennen


Ganztagsbetreuung wird häufig ausschließlich als Maßnahme zum Vorteil der Kinder dargestellt. Das greift zu kurz.


Die deutsche Bundesregierung nennt ausdrücklich weitere Ziele:


  • eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf,

  • weniger unfreiwillige Teilzeitarbeit von Eltern und

  • die Bekämpfung des Fachkräftemangels.


Das sind legitime gesellschafts- und wirtschaftspolitische Ziele. Aber Kinder sollten nicht die Probleme der Erwachsenen ausbaden müssen.


Die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt stellen


Wenn es wirklich um Kinder geht, sollten wir unter anderem fragen:

  • Wie viel unverplante Zeit und selbstbestimmtes Spiel brauchen sie?

  • Wie viel Bewegung, Naturerfahrung und Rückzug – ohne Handy oder andere Bildschirme – benötigen sie?

  • Wie viel Zeit brauchen sie mit ihren Familien und anderen Bezugspersonen?

  • Wie viel Raum benötigen sie, um selbstständig zu entdecken, auszuprobieren und zu lernen?

  • Wie viel Zeit brauchen sie, um Erlebtes und Gelerntes zu verarbeiten?

  • Wie viel Schlaf und Erholung sind für ihre gesunde Entwicklung notwendig?


Heute verfügen wir über umfangreiches Wissen aus Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften, Bildungswissenschaften, Begabungsforschung und der Forschung zu Lernstörungen. Dieses Wissen müsste systematisch in der Schule angewendet werden, statt Eltern dazu zu zwingen, selbst nach geeigneter Unterstützung zu suchen und notwendige Tests auf eigene Kosten zu finanzieren.


Wir müssen Familienpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Kinderbedürfnisse und Bildungspolitik interdisziplinär denken und nicht wie jetzt wie mit dem Keksausstecher jeder für sich.



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