Was uns „Grüne Eier mit Speck“ über Kinder und Essen erzählen

Ein Kinderbuch als Einladung, über Geschmack, Neugier und das Entdecken neuer Lebensmittel nachzudenken
„Das mag ich nicht!“
Ein Satz, den Eltern und pädagogische Fachkräfte wahrscheinlich sehr gut kennen. Besonders dann, wenn ein neues Lebensmittel auf dem Teller liegt.
Kinder können sehr klare Vorstellungen davon haben, was sie essen möchten – und was nicht.
Ein Lebensmittel, das heute abgelehnt wird, kann einige Wochen später plötzlich interessant sein. Ein Geschmack, der zunächst ungewohnt ist, kann mit der Zeit vertrauter werden.
Genau deshalb musste ich bei der Beschäftigung mit Kinderernährung an ein Buch denken, das auf den ersten Blick vielleicht gar nichts mit Ernährungserziehung oder Kinderschutz zu tun hat:
„Grüne Eier mit Speck“ von Dr. Seuss.
„Magst du grüne Eier mit Speck?“
Die Geschichte ist schnell erzählt: Sam-I-am möchte seinen Gegenüber dazu bringen, grüne Eier mit Speck zu probieren. Doch die Antwort lautet immer wieder: Nein.
Aber Sam-I-am gibt nicht einfach auf. Er fragt weiter und nimmt die grünen Eier und den Speck mit auf eine kleine Reise:
Im Haus? Nein.
Mit einer Maus? Nein.
Auf einem Zug? Nein.
Auf einem Baum? Nein.
In einem Boot? Nein.
Immer wieder tauchen die grünen Eier und der Speck in einer neuen Umgebung auf.
Und irgendwann passiert etwas Entscheidendes: Die bisher unbekannte Speise wird tatsächlich probiert – und sie schmeckt.
Nicht nur ein „Probier doch mal!“
Man könnte die Geschichte ganz einfach als Aufforderung lesen: Trau dich und probiere etwas Neues.
Aus Sicht der Kinderernährung finde ich jedoch noch etwas anderes interessant.
Vielleicht geht es gar nicht nur darum, ob ein Kind etwas probiert. Vielleicht geht es auch darum, wie ein Kind ein neues Lebensmittel kennenlernt.
Geschmack entsteht nicht ausschließlich beim ersten Bissen. Kinder entdecken Lebensmittel mit all ihren Sinnen: Sie sehen eine Farbe, riechen einen Geruch, fühlen eine Konsistenz, hören ein Geräusch und erleben einen Geschmack. Was heute noch fremd ist, kann morgen schon ein wenig vertrauter sein. Und manchmal braucht es mehrere Begegnungen.
Geschmack braucht Zeit
Wir Erwachsenen vergessen manchmal, dass auch wir unseren Geschmack im Laufe des Lebens verändern. Was wir als Kinder nicht mochten, essen wir später vielleicht gerne. Ein bestimmtes Gemüse, eine Gewürzmischung oder eine ungewohnte Konsistenz kann irgendwann selbstverständlich werden. Bei Kindern ist dieser Prozess besonders sichtbar.
Ein „Nein“ zu einem Lebensmittel muss deshalb nicht bedeuten: „Dieses Kind wird das niemals essen.“
Es kann genauso gut bedeuten: „Ich kenne das noch nicht.“ Oder: „Heute möchte ich das nicht.“ Oder: „Diese Konsistenz ist mir gerade unangenehm.“ Oder einfach: „Ich brauche noch ein bisschen Zeit.“ Das bedeutet nicht, dass Kinder zu jedem Lebensmittel überredet werden sollten. Ganz im Gegenteil.
Ein neues Lebensmittel immer wieder anzubieten und einem Kind gleichzeitig die Freiheit zu lassen, selbst zu entscheiden, ob es davon essen möchte, sind zwei Dinge, die gut zusammenpassen.
Die WHO beschreibt responsive feeding als einen Ansatz, bei dem die Signale des Kindes wahrgenommen und angemessen beantwortet werden. Dazu gehört auch, die autonome Nahrungsaufnahme zu unterstützen und nicht auf Druck zu setzen.
Ein Angebot ist etwas anderes als Zwang
Kinder brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen. Dazu gehört selbstverständlich auch, ihnen regelmäßig ausgewogene und abwechslungsreiche Lebensmittel anzubieten. Aber Verantwortung bedeutet nicht, jeden Bissen kontrollieren zu müssen. Ein Kind darf ein Lebensmittel ablehnen. Gleichzeitig darf der Erwachsene es zu einem späteren Zeitpunkt wieder anbieten.
So entsteht kein Entweder-oder: Entweder das Kind muss essen, was auf dem Teller liegt – oder es entscheidet komplett selbst, was es bekommt.
Dazwischen gibt es einen wichtigen Raum. Die Erwachsenen schaffen den Rahmen und bieten geeignete Lebensmittel an. Das Kind darf innerhalb dieses Rahmens Erfahrungen sammeln und zunehmend lernen, seine eigenen Hunger- und Sättigungssignale wahrzunehmen.
„Nein“ darf auch ein „Noch nicht“ sein
Unsere Aufgabe als Erwachsene ist es daher nicht, jedes „Nein“ sofort in ein „Ja“ zu verwandeln. Aber wir müssen ein „Nein“ auch nicht als endgültige Entscheidung betrachten.
Kinder verändern ihren Geschmack – genauso wie Erwachsene. Sie brauchen manchmal Zeit und mehrere Möglichkeiten, ein Lebensmittel kennenzulernen. Ein heute abgelehnter Brokkoli kann in einigen Wochen interessant sein. Eine zunächst ungewohnte Konsistenz kann nach mehreren Erfahrungen vertrauter werden. Und vielleicht möchte ein Kind dasselbe Lebensmittel einmal roh, ein anderes Mal gekocht oder in einer ganz anderen Kombination kennenlernen.
Genau hier gefällt mir die Geschichte von Sam-I-am besonders gut: Die grünen Eier mit Speck bleiben dieselben – aber die Umgebung verändert sich.
Das Buch lädt damit auf spielerische Weise dazu ein, ein Lebensmittel aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Nicht: „Du musst das jetzt essen.“ Sondern vielleicht eher: „Lass uns gemeinsam entdecken, was möglich ist.“
Was bedeutet das für den Familienalltag?
Neue Lebensmittel dürfen neugierig machen, ohne dass daraus eine Prüfung wird. Statt: „Du musst wenigstens einen Bissen probieren.“ könnte man sagen: „Möchtest du einmal daran riechen?“ „Wie fühlt es sich an?“ „Möchtest du es anschauen?“ „Wie würdest du es ändern?“ „Vielleicht möchtest du es heute probieren – und wenn nicht, ist es auch in Ordnung.“
Auch das gemeinsame Kochen kann dabei helfen. Kinder können Lebensmittel waschen, schneiden, riechen, fühlen, miteinander kombinieren und beobachten, wie sich Farbe, Geruch und Konsistenz verändern. Das ist nicht nur Ernährungserziehung. Es ist Lernen mit allen Sinnen. Und es kann Kindern vermitteln, dass Essen nicht nur mit „gesund“ oder „ungesund“, „richtig“ oder „falsch“ verbunden ist, sondern auch mit Neugier, Genuss, Gemeinschaft und Selbstbestimmung.
Was hat das mit Kinderschutz zu tun?
Kinderschutz beginnt dort, wo die Bedürfnisse und Grenzen von Kindern ernst genommen werden. Das bedeutet nicht, dass Kinder in allen Bereichen selbst entscheiden können. Erwachsene tragen Verantwortung und geben Sicherheit und Orientierung. Aber Kinder dürfen erleben, dass ihre Signale wahrgenommen werden. Auch beim Essen. Ein Kind, das satt ist, darf satt sein. Ein Kind, das etwas noch nicht kennt, darf vorsichtig sein. Ein Kind, das etwas nicht mag, darf dies äußern. Und ein Kind, das heute „Nein“ sagt, darf morgen vielleicht wieder neugierig werden.
Anbieten, begleiten und Vertrauen haben – statt Druck auszuüben.
Vielleicht ist das eine der schönsten Botschaften, die wir aus „Grüne Eier mit Speck“ mitnehmen können. Denn manchmal braucht es keine Überredung. Manchmal braucht es einfach eine neue Gelegenheit, einen anderen Zugang – und ein bisschen Zeit.
Eine kleine Reise durch die Kinderbücher
„Grüne Eier mit Speck“ ist für mich deshalb ein schöner Ausgangspunkt für eine Reihe von Beiträgen über Kinder, Ernährung und das Aufwachsen.
In den kommenden Beiträgen möchte ich weitere Kinderbücher und Geschichten aus der Perspektive der Ernährung betrachten: Was erzählen sie über Geschmack, Essgewohnheiten, Selbstbestimmung, Genuss und das gemeinsame Essen?
Denn Kinder lernen Ernährung nic
ht nur durch das, was auf ihrem Teller liegt. Sie lernen auch durch die Erfahrungen, die wir mit ihnen rund um das Essen schaffen.
Über die Autorin
Sara Pancot ist Ernährungstrainerin, Kinderbuchautorin und Leiterin pädagogischer Einrichtungen. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit Kinderernährung, Essgewohnheiten und einer genussvollen, abwechslungsreichen Ernährung im Kindesalter.
Sie hält Fachvorträge und bietet informative Kochkurse für Erwachsene sowie spielerische, sinnesorientierte Kochkurse für Kinder an. Dabei verbindet sie fundiertes Ernährungswissen mit praktischer Erfahrung und legt besonderen Wert darauf, Kindern einen positiven, neugierigen und genussvollen Zugang zu Lebensmitteln zu vermitteln.
Bibliografie
Seuss, Dr. (2011): Grünes Ei mit Speck: Das Allerbeste von Dr. Seuss. Fischer KJB. ISBN 978-3-596-85441-7. Video dazu https://www.youtube.com/watch?v=BeXpWURDNbE
Pancot, Sara (2022): Zwerge haben großen Hunger. Ein Kochbuch für Kinder und Erwachsene. Wien: echomedia Buchverlag. ISBN 978-3-903989-16-0.
Pancot, Sara; Richter, Johannes (2022): Kinder haben Hunger. Das Kochbuch für kleine Kinder und Erwachsene. Nutrition for Life. ISBN 978-3-200-07769-0.
Potock, Melanie (2022): Responsive Feeding: The Baby-First Guide to Stress-Free Weaning, Healthy Eating, and Mealtime Bonding. The Experiment. ISBN 978-1-61519-836-8.
Satter, Ellyn: Child of Mine: Feeding with Love and Good Sense. 3rd Edition. Bull Publishing Company. ISBN 978-0-923521-51-6.




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