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Kriege und Kindererziehung

Aktualisiert: 9. Juni 2023

Kriege und Kindererziehung - Von Franz Jedlicka



Als Soziologe und Friedensforscher befasse ich mich mit den Zusammenhängen zwischen Kindererziehungsstilen in den Ländern der Welt und ihrer Friedlichkeit.

Ich stelle die einfache Frage „Kann ein Land nachhaltig friedlich werden, wenn bereits ein Großteil der Kinder Gewalt in der Familie erfährt?“


Fast alles, was ich bisher dazu recherchiert habe, deutet auf ein eindeutiges „nein“ hin (die wichtigsten Quellen und Statistiken dazu habe ich in meinem Ebook „Die vergessene Friedensformel“ veröffentlicht). Und der „Kinderschutz SDG“ 16.2. ist – vielleicht ganz bewusst – ein Unterpunkt des Friedens-SDGs 16.


Meine Forschung ist interdisziplinär angelegt: Zunächst geht es um internationale Daten zur Gewalt gegen Kinder. Hier gibt es einerseits Statistiken der UNICEF, z.B. die Reports „Hidden in plain sight“ und „A familiar Face“, andererseits gibt es detaillierte Listen über den gesetzlichen Kinderschutz vor der Prügelstrafe in den Ländern der Welt: auf http://endcorporalpunishment.org (Corporal punishment ist der englische Begriff für die Körperstrafe). In diesen Listen ist auch zu sehen, ob in einem Land die Prügelstrafe nicht nur in den Familien, sondern auch in Schulen, Kindergärten oder sogar Gefängnissen (!) erlaubt ist. Diese Daten kann man mit dem Global Peace Index vergleichen, der jedes Jahr vom Institute for Economics and Peace (IEP) veröffentlicht wird und eine Rangreihung der Nationen in Bezug auf ihre Friedlichkeit darstellt.


Bereits hier wird deutlich, dass in den friedlichsten Ländern der Welt – Österreich findet sich fast immer unter den Top 5 (in Österreich wurde die Körperstrafe im Jahr 1989 verboten – es war das dritte Land weltweit) – Kinder nicht mehr geschlagen werden dürfen. Aber es gibt natürlich auch andere Faktoren, wie etwa Demokratie, Wohlstand, eine geringe soziale Ungleichheit.


Die nächste wissenschaftliche Disziplin ist natürlich die Psychologie: mit dem Fokus auf die frühkindliche Entwicklung ist mittlerweile klar, dass frühkindliche Traumata – denn Schläge sind genau das – lange negativ nachwirken, im schlimmsten Fall die Empathiezentren im Gehirn beschädigen oder blockieren. Natürlich wird nicht jedes früher geschlagene Kind als Erwachsene:r gewalttätig, jedoch trifft im Umkehrschluss zu – und hier kommt die Kriminalpsychologie ins Spiel – dass so gut wie jeder Gewalttäter (ja, es sind meistens Männer ..) bereits als Kind Gewalt erlebt hat.


In Ländern ohne Verbot der Prügelstrafe gibt es also eine höhere Anzahl an gewaltbereiten Personen, weil ihr Empathieempfinden bereits in frühester Kindheit gestört wurde.


Die Neuropsychologie hat wiederum festgestellt, dass es keinen „Aggressionstrieb“ gibt, sondern dass Aggressivität immer eine Reaktion auf selbst erlebte Gewalt, Beleidung, Vernachlässigung oder Ausgrenzung ist. Vor allem Joachim Bauer erklärt das detailgenau in seinen Büchern „Das kooperative Gen“ und „Schmerzgrenze“.


Sozialhistorisch beschreibt es Rutger Bregman in seinem Buch „Im Grunde gut“. Gewalttäter „im großen Stil“, also Kriegstreiber, Diktatoren und Despoten, haben ebenso fast immer Gewalt als Kind erlebt. Hier kommt die Geschichtswissenschaft ins Spiel, im Besonderen die „Psychohistorie“ (auch politische Psychologie genannt): Historiker:innen haben begonnen, die Kindheit von politischen Personen zu untersuchen. Ein frühes wichtiges Buch dazu war „Am Anfang war Erziehung“ von Alice Miller, in dem sie die Kindheit von Adolf Hitler untersuchte: er hat teilweise extreme Erniedrigung in seiner Herkunftsfamilie erlebt.


Das beste aktuelle Buch zu dem Thema ist meiner Ansicht nach „Die Kindheit ist politisch“ von Sven Fuchs, in dem etwa die Kindheit von Stalin, Mussolini, Saddam Hussein und vielen mehr unter die Lupe genommen wird – und auch: gerade jetzt brisant – die Kindheit von Wladimir Putin (auch er hat Gewalt und Vernachlässigung erlebt – und auch in Russland ist die Prügelstrafe noch nicht verboten).


Auch in der Kultur- und Sozialanthropologie wurde auf eine gewisse Art schon Friedensforschung betrieben, indem indigene Völker auf unterschiedlichen Kontinenten im Hinblick auf ihr friedliches – oder kriegerisches – Verhalten untersucht wurden. Hier tauchen ab und zu Aussagen zu einer gewaltfreien Kindererziehung auf, aber man muss diese Untersuchungen ehrlicherweise als nichtstatistisch signifikant bezeichnen – weil eben keine Statistiken, sondern nur Beschreibungen erstellt wurden. So verdichtet sich also ein Gesamtbild, aus dem deutlich wird, dass eine gewaltfreie Kindererziehung ein wichtiger Friedensfaktor ist.


Wenn man dann noch einen pädagogischen Blickwinkel einnimmt – im Hinblick also auf eine Friedenspädagogik - stellt sich natürlich die Frage: Ist es nicht eine widersprüchliche Erziehung, wenn Erwachsene ihren Kindern vermitteln wollen, wie wichtig Gewaltlosigkeit ist, sie jedoch bei der Kindererziehung selbst Gewalt anwenden? Das ist ironischerweise sogar in religiösen Kulturen sehr oft der Fall: Denn es gibt etwa das Bibelzitat „Wer mit der Rute spart, verdirbt das Kind“ – und in einigen religiösen Gruppierungen (z.B. bei den Evangelikalen in den USA) wird es mit Vehemenz vertreten – und sie bekämpfen sogar oft Versuche, Kinderschutzgesetze einzuführen. Die USA ist übrigens das einzige UN Mitgliedsland, das die UN Kinderrechtskonvention nicht ratifizieren will: dort dürfen auch in einigen Schulen Kinder noch durch Schläge mit einem Holzbrett – dem Paddle – bestraft werden – ein in Europa viel zu unbekannter Skandal.


Insgesamt geht es bei meinen Forschungen also um eine „Kultur des Friedens“, eine konsequente Kultur der Gewaltlosigkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen: einfach, weil es nicht glaubhaft ist, vom Wunsch nach Friedlichkeit zu sprechen, aber Gewalt in der Kindererziehung zu erlauben. Daher möchte ich für einen solchen Ansatz des „Peacebuilding“ (der Friedensförderung) den Begriff „Peace Mainstreaming“ anregen: Er besagt, dass Gewalt (und Unterdrückung) in allen gesellschaftlichen Bereichen reduziert und beseitigt werden muss, wenn ein Land nachhaltig friedlich werden soll.


Dass es dabei auch um die Gleichberechtigung und Sicherheit von Frauen geht, ist ebenfalls klar bewiesen (siehe dazu die Bücher von Valerie Hudson et.al. und die UNSC Resolution 1325 zur Wichtigkeit der Teilhabe von Frauen in Peacebuilding-Prozessen).


Natürlich ist ein legaler Kinderschutz vor Gewalt eine Friedensstrategie, die erst mit der Zeit wirken wird: Es ist ein erstes Signal zur Wichtigkeit der Thematik, das jedoch im betreffenden Land Diskussionen auslösen wird – und erst einen allmählichen Wandel der Kindererziehungspraktiken.

Und dann dauert es wohl eine Generation, bis die gewaltfrei aufgewachsenen Kinder in das Alter kommen, in dem sie ein Land mitgestalten können. Daher müssen politische Akteur:innen, denen die Friedlichkeit und Stabilität ihres Landes ein dringendes Anliegen ist, sofort auch auf dieser Ebene handeln. Denn schon Mahatma Gandhi sagte: „Wenn wir wirklich Frieden wollen, müssen wir mit den Kindern beginnen.“

Aus meiner Sicht ist dieses Zitat auch wissenschaftlich bewiesen.


Webseiten von Franz Jedlicka: www.friedensforschung.com , www.whitehand.org ,

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