Vergewaltigt

von Jutta Treiber (2003)
Verlag: Ueberreuter, Wien 144 Seiten

"Was geht in einem Menschen vor, der so etwas tut?", fragte Franka.

Franka ist dreizehn, ein selbstbewusstes Mädchen mit einem halbwegs intakten familiären Hintergrund, ihre Beziehung mit Stefan kriselt ein wenig, gute Freundinnen. Alles soweit im Rahmen, bis das für Franka Unvorstellbare passiert. Eine Vergewaltigung auf dem nächtlichen Nachhauseweg in unmittelbarer Nähe des Wohnortes und alles ist anders.

Man mag das Setting der Vorgeschichte etwas konstruiert finden. Ausgerechnet das Thema möglicher Gefahren bei nächtlichen Spaziergängen wird einleitend immer wieder durch den sich sorgenden Vater angesprochen. Auch die auftretenden Figuren mögen einem etwas zu schablonenhaft erscheinen (u.a. die Ärztin, der Kriminalbeamte, die Kriminalbeamtin, der Psychologe).

Die Stärke dieser Geschichte liegt jedoch in der einfühlsamen Entwicklung der Charaktere nach der Gewalttat. Die Aufmerksamkeit gilt nur kurz dem Täter (»Was geht in einem Menschen vor, der so etwas tut?«). Dann widmet sich Jutta Treiber vor allem dem Opfer. Wie kann es einem Opfer einer Gewalttat ergehen? Wie (re)agieren die Personen im unmittelbaren Umfeld? Wie kann man sich aus dieser Opferrolle wieder herausarbeiten?

Man kann sich als Leser/in kaum entziehen, der anfänglichen Unmöglichkeit darüber zu sprechen, den Schwierigkeiten der Familie, des Freundes, der Freundin zu helfen, den Schilderungen der Befindlichkeit der Protagonistin, ihrer Schmerzen, ihrer Gedanken, ihrer Träume, den Versuchen mit professioneller Hilfe das Geschehene zu »verarbeiten«, sich schließlich frei zu schreiben – »Word speichert Vergewaltigung«.

Keine leichte Kost für Jugendliche. Aber eine sensible, nicht reißerische Aufarbeitung eines aufwühlenden Themas, das niemanden kalt lässt. Das Beispiel Franka macht die Folgen einer Vergewaltigung vorstellbar und besprechbar. Es wäre zu wünschen, dass die jungen Leser/innen wie Franka Ansprechpartner haben, mit denen sie zum Thema "über alles" reden können.

Herbert Pichler

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