"Mach schnell, wir sind spät dran!"


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"Muttertaub?"


„Mach schnell, wir sind spät dran!“, „So kannst du nicht gehen!“, „Sitz still!“, „Warum hast du....“, „Halt das Häferl richtig!“, „Iss nicht so viel/mehr!“, „Kannst du deine Vokabeln?“...


Kommt Ihnen das bekannt vor? Viele Kinder (und Partner) sind, wenn sie morgens das Haus verlassen und Richtung Schule oder Kindergarten pilgern, schon einmal durcherzogen. Und obwohl wir uns das Zusammenleben in unserer Familie gaaaanz anders vorgestellt haben, hat sich dieses Verhalten eingeschlichen. Dabei bringt es überhaupt nichts, denn die Kinder nehmen unser ständiges Meckern nicht mehr wahr, sie sind „mutter/vatertaub“. Sie schalten ab, hören nicht mehr hin, lassen unser Reden im Hintergrund laufen, wie wir Erwachsenen das Radio.


Leider hat das Ganze eine ungewollte Nebenwirkung: die Eltern haben eine besondere Wahrnehmung für das „negative“ Verhalten ihrer Kinder entwickelt und übersehen deren positive Seiten; die Kinder erfahren, dass nichts an ihnen richtig ist. Kurzum, das Familienklima ist verdorben, alle sind genervt.


Das erinnert mich an die Geschichte der „Zwei Wölfe“:

Eines Abends erzählte ein alter Cherokee-Indianer seinem Enkelsohn am Lagerfeuer von einem Kampf, der in jedem Menschen tobt.

Er sagte: „Mein Sohn, der Kampf wird von zwei Wölfen ausgefochten, die in jedem von uns wohnen.“

Einer ist böse.

Er ist der Zorn, der Neid, die Eifersucht, die Sorgen, der Schmerz, die Gier, die Arroganz, das Selbstmitleid, die Schuld, die Vorurteile, die Minderwertigkeitsgefühle, die Lügen, der falsche Stolz und das Ego.

Der andere ist gut.

Er ist die Freude, der Friede, die Liebe, die Hoffnung, die Heiterkeit, die Demut, die Güte, das Wohlwollen, die Zuneigung, die Großzügigkeit, die Aufrichtigkeit, das Mitgefühl und der Glaube.

Der Enkel dachte einige Zeit über die Worte seines Großvaters nach, und fragte dann: Welcher der beiden Wölfe gewinnt?

Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.“


Aber wie kommt man aus der Nummer wieder raus? Wie schafft man es im Alltag, den „guten Wolf“ in uns zu füttern und wieder das Positive mehr wahrzunehmen? Der Familientherapeut Arist von Schlippe empfiehlt in diesen Situationen die Technik der drei Körbe:

Nehmen Sie sich Zeit und überlegen Sie in aller Ruhe, welche Dauermeckersätze haben sich bei Ihnen eingeschlichen? Dann brauchen Sie pro Kind ein rotes, ein gelbes und ein grünes Blatt Papier.

1. Grüner Korb:

Auf das grüne Blatt schreiben Sie alle Verhaltensweisen, die ärgerlich sind, bei denen Sie aber entscheiden: "Darüber regen wir uns ab sofort nicht mehr auf", denn eigentlich sind das peanuts. ==> weniger Anlässe für Eskalation

2. Gelber Korb:

Alle Verhaltensweisen, die für Sie langfristig nicht akzeptabel sind, die aber derzeit nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.

Hier sind Sie bereit zu verhandeln, Kompromisse einzugehen, Entgegenkommen zu signalisieren.

3. Roter Korb:

= der Kleinste!

Alle Verhaltensweisen, die Sie auf keinen Fall akzeptieren können.

Max. 3 - 4 Verhaltensweisen: so wichtig, dass Sie bereit sind, dafür heftige Auseinandersetzungen in Kauf zu nehmen. (z.B. andere Menschen beißen, im Auto nicht angurten, Schule verweigern)


Sinn und Zweck der Aufstellung ist es, im Vorfeld darüber nachzudenken, weswegen ich in Zukunft nicht mehr meckern möchte. Ab dem Moment werden nur noch die Punkte im roten Korb thematisiert bis Besserung eingetreten ist – das passiert ziemlich schnell, da sich das Familienklima rasch bessert, wenn weniger geschimpft wird. Nach und nach holt man die nächsten Punkte in den roten Korb, wird aber feststellen, dass sich in der Zwischenzeit Vieles von selbst erledigt hat.

Die Wirkung können Sie verstärken (dem guten Wolf noch mehr Futter geben), wenn Sie gleichzeitig ein Blatt Papier in einer Lieblingsfarbe Ihres Kindes mit der Überschrift „Das mag ich an xy“ aufhängen. Es werden Ihnen im Laufe der Zeit immer mehr Seiten Ihres Kindes einfallen, die Sie mögen, die Liste kann also ständig ergänzt werden.

Das heißt, Sie erziehen erstmal sich selbst, jedes Mal, wenn Sie grad Luft holen wollen, um etwas zu bemängeln, überlegen Sie kurz: „Steht das auf der roten Liste?“ „Nein?“ - dann weise schweigen!

Sie werden sehen, wenn es wirklich wichtig ist, hören Ihre Kinder viel besser auf Sie und alle Beteiligten verlassen morgens besser gelaunt das Haus und gehen abends entspannter ins Bett! Probieren Sie es, ich freue mich auf Ihr Feedback!

Cornelia Türke

Cornelia Türke

Als geborene Wienerin kam sie Anfang 2018 nach über 30 Jahren in Deutschland nach Österreich zurück. Sie lebt nun in Rabenstein/Pielach und arbeitet im Mostviertel und in Wien.

In ihrer Praxis bietet sie psychologische Beratung, Coaching, EMDR,

Eltern -und Erziehungsberatung

Paarberatung und Prüfungscoaching an.

Seit 2018 arbeitet sie ehrenamtlich für den Österreichischen Kinderschutzbund - Wien

https://psychologische-beratung-mostviertel.at/

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