Einander gegenseitig stärken mit liebevollem Verständnis!


Die 3 1/2 jährige Julia geht mit ihrer Mama einkaufen. Auf dem Gehsteig kommt ihnen Julias Kindergartenfreundin Kathi, ebenfalls mit Mama, entgegen. Beide Kinder laufen freudestrahlend aufeinander zu und werden von ihren Müttern schnell zurückgerufen. Beide Mütter klingen ähnlich: „Ich hab dir doch gesagt, das ist jetzt verboten, wir können sonst alle krank werden...“

Die 4 jährige Leonie hat Geburtstag und freut sich schon seit Wochen auf ihre Geburtstagsfeier, für die sie eifrig Einladungen gebastelt hat. Morgen ist es soweit – am Nachmittag, nach dem Kindergarten kommen Paul, Julian, Johannes und die Schwestern Marie und Anna und feiern mit ihr. Doch es ist der 15.3.2020 und ganz Österreich erfährt, dass ab morgen alles anders wird. Und so müssen die Eltern von Leonie ihrer Tochter beibringen, dass ihre Feier verschoben wird. „Die holen wir nach, wenn alles vorbei ist. Du musst nicht traurig sein.“

Max' Eltern haben ein Restaurant, das wegen der Coronapandemie zumachen muss. Viele der eingelagerten Lebensmittel sind verderblich und würden keine Woche halten. Also fährt Max' Mutter am nächsten Tag mit ihm von einer befreundeten Familie zur nächsten und „spendet“ Obst und Gemüse. Auch Max' Freundin Lisa wird aufgesucht, sie wohnt mit ihrer Mama und ihrem Bruder im 1. Stock und so reichen sich die beiden Frauen leere und gefüllte Körbe durchs Fenster. Die Kinder stehen traurig daneben, denn sie dürfen nicht miteinander spielen.

Chiara geht in die 1. Klasse Gymnasium, ihr Angstfach ist Mathe und daher übt sie besonders viel für die Schulübung nächste Woche. Nun hat sie „schulfrei“ für unbestimmte Zeit, das fleißig erarbeitete Wissen wird vorläufig nicht gebraucht (und wahrscheinlich wieder vergessen). Stattdessen bekommen ihre KlassenkameradInnen und sie von den Lehrern aller Fächer Übungen nach Hause gemailt, für die sie eine Woche Zeit haben. In Mathe haben die Übungen nichts mit dem momentanen Stoff zu tun, es werden irgendwelche Matherätsel aus dem Internet und/oder diversen Intelligenztests an die Kinder verschickt. Diese „Rätsel“ sind zum Teil so kompliziert und abstrakt, dass sie von den Eltern, genervt und unfreiwillig, gelöst werden, bzw. von deren Freundeskreis....

So und ähnlich geht es im Moment in vielen Familien zu. Wir alle fühlen uns von den Ereignissen überrollt; grad war das Problem Corona noch weit weg in China, plötzlich nahm es in Italien bedrohliche Formen an und gehört nun, gefühlt über Nacht, zu unserem Alltag.

Vielen Erwachsenen fällt es schwer, sich an Vorschriften zu halten, die zu unser aller Gesunderhaltung beitragen sollen. Andere wiederum machen sich berechtigte Sorgen, wie sie diese Zeiten finanziell überleben können. Wir werden täglich gut informiert über Infizierte, Kranke, Tote, gesellschaftliche und finanzielle Maßnahmen. Doch auch wenn Isolierung, Quarantäne, nicht arbeiten dürfen, Gesichtsmasken tragen, etc. sinnvolle Maßnahmen sind, geht es kaum jemandem gut damit. Also versuchen wir, uns gut zuzureden, mit logischen Argumenten unsere Ängste zu bekämpfen. Das gelingt unterschiedlich gut, Menschen, die schon vor Corona (unsere neue Zeitrechnung?) mit Sorgen und Ängsten zu kämpfen hatten, die schon damals nicht wussten, wie es weitergehen soll, werden nun vor Herausforderungen gestellt, denen sich viele nicht gewachsen fühlen.


Und dann sind da noch die Jüngsten unter uns, die am allerwenigsten verstehen können, was plötzlich los ist. Viele Erwachsene erwarten nun auch von den Kindern „gesunden Menschenverstand“ im Umgang mit der gegenwärtigen Situation. Hier zeigt sich eine weitere Herausforderung: Empathisch miteinander umgehen, füreinander da sein in Form von zuhören und nicht versuchen, dem anderen einzureden, dass es nicht ganz so schlimm wird, wie er glaubt (woher wollen wir das wissen), oder ihn hinwegzutrösten: ist bald vorbei (wer sagt das?).


Also MICH machen die vielen Informationen, die wir täglich bekommen, nicht geduldiger; ICH möchte mich einfach nur mit Freunden treffen, arbeiten gehen, zum Friseur(!), ohne Maske in den Supermarkt....Ich mach's halt nicht, aber das heißt nicht, dass es mir damit gut geht.

Aber wenn die anderen (und ich selbst) es so stehen lassen können, wenn ich zwischendurch schlecht gelaunt am Sofa rumhäng oder mich mit Süßigkeiten vollstopf (um am nächsten Tag dafür umso gesünder zu leben) kann ich die gegenwärtigen Maßnahmen besser durchhalten.

Im Moment heißt es, einen ungewollten Zustand aushalten, durchhalten und uns gegenseitig stärken mit liebevollem Verständnis.


Vielleicht hilft in so mancher Familie nur noch Lieblingsessen kochen, Lieblingsfilme schauen, Lieblingsbücher lesen, den ganzen Tag im Pyjama bleiben....Vielleicht erinnern sich unsere Kinder später: „Weißt noch, damals, das war cool, als wir....“ Frei nach dem Motto: „Nichts ist so schlimm, dass es nicht noch für was gut wär.“



Cornelia Türke

Als geborene Wienerin kam sie Anfang 2018 nach über 30 Jahren in Deutschland nach Österreich zurück. Sie lebt nun in Rabenstein/Pielach und arbeitet im Mostviertel und in Wien.

In ihrer Praxis bietet sie psychologische Beratung, Coaching, EMDR,

Eltern -und Erziehungsberatung

Paarberatung und Prüfungscoaching an.

Seit 2018 arbeitet sie ehrenamtlich für den Österreichischen Kinderschutzbund - Wien

https://psychologische-beratung-mostviertel.at/

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