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Beschämung im Schulalltag - Teil 1

Aktualisiert: 6. Mai 2021

Der Mathematiklehrer spricht in lautem und abwertendem Tonfall: „Wenn du das jetzt noch nicht verstanden hast, bist du einfach zu dumm dafür. Vielleicht solltest du auf die Sonderschule wechseln, damit du dort mit dem Stoff mithalten kannst!“



Was ist dieses Gefühl ‚Scham‘ überhaupt?


Wer kennt es nicht? Eine unangenehme Situation einhergehend mit Herzklopfen, Erröten im Gesicht und dem innigen Wunsch, im Erdboden versinken zu wollen — das Gefühl, sich zu schämen.


Scham entsteht, wenn die Grenzen der Persönlichkeit eines Menschen überschritten und dabei das Selbstbild verletzt wird. Dies geschieht überwiegend, wenn Menschen miteinander interagieren und in Beziehung zueinanderstehen. In der Schamtheorie gibt es zwei sogenannte Pole. Der Objektpol (die Gestalt, vor der man sich schämt) und der Subjektpol (die Person, welche sich für etwas schämt). In einer Lehrer-Schüler-Beziehung in der Schule wäre der Objektpol die Lehrkraft, welche spezifische Erwartungen hat. Bei Nichterfüllung dieser Erwartungen droht dem Subjektpol (Schüle-rinnen und Schüler) negative Konsequenzen, welche zu einem Schamgefühl führen.


Scham wird begleitet von körperlichen Reaktionen, welche einer Panikattacke ähneln. Indizien für körperliche Schamindikatoren sind das Erröten im Gesicht, ein gesenkter Kopf wie auch Schreib- und Sprachhemmungen. In einer solchen Situation ist die Aufnahme- und Leistungsfähigkeit einer sich schämende Person stark eingeschränkt.


Das Erleben von Schamsituationen trägt zur Persönlichkeitsentwicklung unserer Kinder und Jugendlichen bei. Findet eine dauerhafte und regelmäßige Beschämung statt, hat dies weitreichende Folgen für die Psyche, das Selbstbewusstsein, die Identitätsfindung und auch das Verhalten, welches sich wiederum negativ auf andere Menschen auswirkt (mehr dazu in Teil II).


Schule als Ort der Beschämung


Insbesondere die Schule kann als ein Ort ausgemacht werden, an dem Kinder mit zahlreichen Schamerfahrungen konfrontiert sind. Sehr lange ging eine deutlich zu erkennende Beschämung in der Lehre und dem schulpädagogischen Bereich mit einer körperlichen Gewalt und sexualisiertem Machtmissbrauch einher. Gegenwärtig ist die Beschämung weniger körperlich und offensichtlich, sondern aufgrund von mangelnder Bewusstseinsbildung bei Pädagog*innen eher in subtilen oder gar unbewussten Handlungen der Lehrkräfte zu finden.


Die Tatsache, dass viele Schulprobleme aus einem oft übersehenen Scham-Hintergrund entstehen, findet jedoch zu wenig bis gar keine Beachtung.


In der Schule können Beschämungen in verschiedene Richtungen auftreten. So können Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig beschämen oder auch Lehrkräfte von Schüler*innen beschämt werden. Die oft unerkannte und verschwiegene Beschämung von Schüler*innen durch eine Lehr-kraft ist aber wohl die Bedeutendste in diesem Kontext.

Verschiedene Schamformen spielen eine wesentliche Rolle im Schulalltag:


1.) ‚Existentielle Scham‘

Eine Person fühlt sich unerwünscht bzw. gar nicht in ihrer Existenz wahrgenommen. Dies kann im Schulunterricht der Fall sein, wenn eine Lehrkraft eine*n Schüler*in aus verschiedenen Grün-den bewusst ignoriert.


2.) ‚Kompetenzscham‘

Diese Scham entsteht während dem Erleben von Misserfolgen. Ein Beispiel wäre, wenn ein*e Schüler*in als einzige*r nicht in der Lage ist, eine Aufgabe zu lösen. Hinzu könnte eine verbale Beschämung der Lehrkraft (Bsp.: „Du bist zu dumm!“) kommen.


3.) ‚Identitätsscham‘

Das Sichtbarwerden einer persönlichen und intimen Sache, welche von der betroffenen Person lieber privat gehalten würde. Dazu zählen auch sexueller Missbrauch und Vergewaltigung. Im Schulalltag beschränkt sich dies meistens auf Schüler-Schüler Interaktionen, wenn beispiels-weise einem Mädchen auf dem Pausenhof der Rock hochgezogen wird.


4.) ‚Idealitätsscham‘

Die Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Selbst und den eigenen oder auch vorgegebenen Idealvorstellungen.


5.) ‚Abhängigkeitsscham‘

Diese Schamform bezieht sich auf die eigene Abhängigkeit zu anderen Personen. Wenn ein*e Schüler*in beispielsweise wegen einer schlechten mündlichen Leistung von der Lehrkraft vor der restlichen Klasse bloßgestellt und beschämt wird, dann wird sich diese*r Schüler*in mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur Wehr setzen, um nicht mit einer noch schlechteren Note abgestraft zu werden. Besonders in der Schule ist dieses Machtgefälle zwischen Lehrkraft und Schüler*in-nen ausschlaggebend für das Entstehen von Schamsituationen.


6.) ‚Empathische Scham‘

Mehrere Personen können sich miteinander schämen. Dies geschieht, wenn ein*e Schüler*in von einer Lehrkraft beschämt wird und die restlichen Kolleg*innen mitfühlen und mitleiden.


7.) ‚Gruppenscham‘

Eine Person schämt sich für andere Menschen und Gruppen.


Wir sehen also, dass es sehr viele verschiedene schamauslösende Situationen gibt, welche als diese auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen sind. Als Pädagog*in oder auch als Erziehungsperson außerhalb der Schule ist es oft sehr schwierig, eine solche Situation auch als Schamsituation zu erkennen. Daher ist es umso wichtiger, sich mit diesem Thema zu befassen und sich der ‚Scham‘ bewusst zu werden.




Autor des Artikels: Michael Stieber B.A.

Studiert Bildungswissenschaft an der Universität Wien


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