Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Editorial Kinderschutz Aktiv Nr. 86
Alice Miller ist gestorben, und mit ihr ist eine wichtige Stimme für Kinder verstummt. Wir widmen dieser großen Persönlichkeit in diesem Heft einen kritischen Beitrag. Alice Miller ging es Zeit ihres Lebens um Bewusstseinsbildung, und dass sie daran Recht tat, sollen die weiteren Ausführungen des Editorials nachdrücklich unterstreichen.
Noch nie ist soviel für Kinder getan worden wie heute. Unsere Gesellschaft hat sich sozusagen von Jahr zu Jahr kinderfreundlich weiterentwickelt, und unser Nachwuchs ist mehr denn je im Mittelpunkt des politischen, sozialen, pädagogischen und wirtschaftlichen Interesses. Diese Ansicht findet sich verschriftlicht in vielen Medien, sie taucht verbalisiert in Vorträgen, Fachdiskussionen aber auch in Stammtischgesprächen auf und sie wird auch auf mancherlei Art und Weise bildhaft dargestellt. Schön, dass wir uns kinderfreundlich weiterentwickelt haben, nur, wissen das auch die Kinder? Ich möchte Ihnen abseits von großen Erzählungen über Kinderschutz, Kinderrechte und Gesetzesvorlagen gegen Gewalt eine kleine Alltagsgeschichte nahe bringen, und dann entscheiden sie bitte selbst, wie kinderfreundlich die alltäglichen Lebenswelten in denen wir agieren, schon geworden sind.
Es war ein Vormittag wie viele andere auch. Ich fuhr mit der U-Bahn zur Universität und mit mir sehr viele junge Erwachsene, die, wie die Gespräche, die sie führten, annehmen ließen, ebenfalls am Weg zu ihren Vorlesungen waren. Die U-Bahn war gut besetzt, nur einige wenige Sitzplätze waren frei, als vier Stationen vor der Ausstiegsstelle „Universität“ eine Kindergartengruppe einstieg. Die Kinder waren – wie eine Begleiterin informierte – drei bis vier Jahre alt. Die Kindergärtnerinnen platzierten die Kinder so schnell es ging zu zweit auf je einem Sitzplatz. Ich stand auf, um zwei Kindern meinen Platz zu überlassen, doch bald wurde klar, dass die freien Plätze nicht ausreichten, um allen Kindern einen Platz zu verschaffen.
Warum das wichtig gewesen wäre, zeigte sich unmittelbar nach der Anfahrt des Zuges. Die meisten der Kinder, die stehen mussten, waren höchst unsicher auf den Beinen, und die beaufsichtigenden Begleiterinnen hatten alle Hände voll zu tun, um zu verhindern, dass sie fallen oder durch den Waggon geschleudert werden. Auf die laut vorgetragene Bitte einer Kindergärtnerin, ob nicht einige zusätzliche Plätze frei gemacht werden könnten, um die Kinder entsprechend sicher befördern zu können, reagierte die sitzenden Fahrgastklientel überhaupt nicht. Sehr wohl reagierte sie aber auf die Kinder, die zappelnd, ängstlich und unsicher versuchten, auf ihren Beinchen zu bleiben. Es waren gar nicht so wenige von den Erwachsenen, die sich darüber geradezu köstlich amüsierten. War ja wirklich zum Totlachen, der Anblick der Kleinen, die sich teilweise krampfhaft aneinander festhielten um die Balance zu halten. Gewalt gegen Kinder hat viele und manchmal auch nicht eindeutig und klar erkennbare Facetten. Für mich war das ein neuerlicher Beleg, dass die Haltung gegenüber Kindern bei uns in Österreich, drücken wir es konstruktiv aus, noch entwicklungsfähig ist.
Eine junge Studentin fiel mir auf, die – sitzend natürlich – die stehenden Kinder wohlwollend musterte. Als sie mit mir bei der Universität ausstieg, lächelte sie den Kindern noch einmal zu, und ihren Blick konnte man fast liebevoll nennen – aufgestanden ist aber auch sie nicht.
Ich wünsche Ihnen einen entspannten, erholsamen und gewaltfreien Sommer 2010 und bleiben sie uns bitte gewogen, Ihr
Christian Vielhaber
Obere Augartenstraße 26–28, 1020 Wien, Österreich
Telefon: +43 (0)699 - 8151 38 11 :: E-Mail :: Impressum