Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.

Kommunikation in Augenhöhe in einer Kindergartengruppe

Hanneke van der Louw

Wenn es in unserer Kindergartengruppe zwischen Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren einen Konflikt gibt, wird folgendermaßen gehandelt:

Als erstes gibt das Kind, dessen persönliche Grenzen  - auf welche Weise auch immer - von Dritten überschritten worden sind, ein innerhalb der Gruppe ausgemachtes Stoppzeichen. Das sieht so aus: Das Kind streckt mit gehobener Hand den Arm und sagt: Halt! Hör auf! (auf holländisch: stop! hou op!) Wird dadurch die Störung beendet, dann ist sowohl das  Grenzen setzen als auch das Akzeptieren von Grenzen  gelungen. Setzt allerdings das  Kind, das begonnen hat, die Grenzen eines anderen Kindes in nicht akzeptabler Weise zu missachten, seine störende Aktion fort, dann gilt innerhalb der Gruppe als ausgemacht, dass das gestörte bzw.benachteiligte Kind die Lehrerin informiert, was passiert ist.

Daraufhin kommen beide Kinder zur Lehrerin und es tritt “Kommunikation in Augenhöhe” ein. Diese Kommunikationsform ist ein wesentlicher Teil der Ausbildung im Sinne System-orientierten Arbeitens, gegründet auf die Methode von Virginia Satir.  Ich persönlich habe diese Ausbildungsschiene von Mai 2002 bis Dezember 2004 im Zentrum für Persönliche und Relationale Entwicklung in Bergen, Noord-Holland, Holland absolviert.

Bei Kommunikation in Augenhöhe stellen sich die zwei Kinder, die gerade einen Konflikt austragen,  derartig  gegenüber, dass sie sich beide in gleicher Augenhöhe befinden. Die Bedeutung des buchstäblichen Kreierens einer Begegnung in Augenhöhe ist das physisch sichtbar und fühlbar Machen des Prinzips der Gleichwertigkeit. Dazu werden Erhöhungen in verschiedenen Grössen (in der Form von Holzklötzen) verwendet, wodurch ein bestehender Unterschied in der Körpergrösse "beseitigt" wird.

Wenn sich die Kinder nun derartig gegenüberstehen, dass sie sich auf gleicher Höhe in die Augen sehen können, erzählt das  Kind, dass sich benachteiligt fühlt bzw. dessen Grenzen verletzt wurden,  dem grenzüberschreitenden Kind, was in seinen Augen passiert ist, was es von  der Situation hält und wie es sich dabei gefühlt hat. Die Lehrerin steht als Zeugin bei den Kindern, überwacht den Prozess und trägt hierfür die Verantwortung. Danach erklärt das  Kind, von dem die Grenzüberschreitung ausgegangen ist, was der eigentlich Sinn seiner Aktion war und bietet seine Entschuldigung für diese Verletzung der Integrität des anderen Kindes an. Wichtig in diesem Prozess ist, dass sich beide Kinder während des gesamten Verlaufes der kommunikativen Auseinandersetzung in die Augen sehen.

Wenn diese Phase zur Zufriedenheit  beider Kinder verlaufen ist, darf das sich gestört bzw. benachteiligt fühlende Kind sagen, was es braucht, um wieder eine  positive Kommunikation zwischen beiden Kindern herzustellen und um sein persönliches Gleichgewicht wiederzufinden. Möglichkeiten sind: Einander die Hand reichen, einander einen Kuss geben, einander umarmen, eine Zeichnung wünschen etc. Jedes Kind hat die Freiheit einen bestimmten Akt im Rahmen des  Rituals der Wiedergutmachung selbst zu wählen. Die Lehrerin überwacht dabei die Proportionen, das heißt, sie achtet darauf, dass die eingeforderte Wiedergutmachung mit Augenmaß erfolgt.

Meistens reicht der Moment der Wiedergutmachung, um das gestörte Verhältnis zwischen beiden Kinder  wieder positiv zu wenden.

Sollte sich während dieser Kommunikation in Augenhöhe herausstellen, dass sich zwischen beiden Kinder mehr abspielt, als auf den ersten Blick erkennbar war, dann wird seitens der Lehrerin dieser Sache die entsprechende Aufmerksamkeit gewidmet. Dem Problem wird auf den Grund gegangen, der Kern der Störung wird herauskristallisiert und erst daran anschließend  findet der Prozess der Wiedergutmachung statt.

Wenn ein Kind und eine Lehrerin ein wichtiges Gespräch miteinander haben, wird das auch in Augenhöhe geführt. Augenhöhe bedeutet Gleichwertigkeit im beiderseitigen Verhältnis. Diese angestrebte Gleichwertigkeit, darf aber nicht verwechselt werden mit einer generellen Gleichheit zwischen dem Kind und dem Erwachsenen. Es ist völlig klar, dass die Verantwortlichkeit für jede Interaktion beim Erwachsenen liegt, und gerade deshalb hat er/sie darauf zu achten, dass "Augenhöhe" als ein immanentes Merkmal der Kommunikation Beachtung findet.

 

Hanneke van der Louw ist Lehrerin an der Prinses Beatrix School  in Heemstede, Gruppe 1/2, Holland

ÖBV :: website powered by ÖBV