Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.
Warum zappelt Philipp? Kinder mit ADHS
Gerhard Spitzer
Begrifflichkeit, Häufigkeit
Der Begriff ADHS, um den es in diesem Artikel geht, ist seit Anfang der 1980er weltweit, mittlerweile sicher auch Ihnen bekannt und wird nicht selten als »das häufigste psychiatrische Krankheitsbild im Kindes- und Jugendalter« (APA) vorgestellt: ADHS bedeutetAufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom; das Akronym ADS dagegen leitet sich aus der gleichen Symptomatik ohne die auffällige Hyperaktivität ab. Nach neuesten Erkenntnissen soll das Syndrom allgemein bei Buben bis zu viermal höher auftreten, als bei Mädchen. Die Prävalenz, also der Verteilungsgrad in der Bevölkerung liegt bei 3% bis 7%, (Durchschnitt: 5-6% der Kinder und Jugendlichen von 7-17 Jahren). In den USA, glaubt man neueren Schätzungen, wird sogar von bis zu 9% und darüber ausgegangen.
Modediagnose?
Trotzdem lässt sich jener signifikante Anstieg der schon früher als MCD (Minimale Cerebrale Dysfunktion), POS (Psychoorganisches Syndrom) und HKS (Hyperkinetisches Syndrom) bekannten tatsächlichen ADHS Fälle, der zurzeit öffentlich wahrgenommen wird, bis jetzt nicht wissenschaftlich belegen. Es ist wohl eher eine verstärkte, vor allem auch mediale Wahrnehmung der Existenz dieses komplexen Syndroms und wohl auch das für Menschen so typische denken in »Schulbladen- Kategorien«. Schlussendlich lässt auch der Trend zur kleineren Familie die Aufmerksamkeit der Eltern für die Problematik eines einzelnen Kindes stark anwachsen.
In der kürzeren Vergangenheit nehmen, vom Autor und dem Beraterteam des Vereins KiddyCoach befragt, offenbar viele Eltern und vor allem Lehrpersonen wahr, dass es ihnen zuweilen mit der Diagnose ADHS ein wenig zu schnell geht. »Ein Kind, dass beispielsweise eine zeitlang im schulischen Kontext ein wenig aus dem Rahmen fällt«, berichtet eine Lehrervertreterin, »wird oft ziemlich schnell mit ADHS zumindest in Verbindung gebracht!« Für solche, im wahrsten Sinne des Wortes schützenswerten Kinder soll hier, genauso, wie für die nachweislich unter dem sicher nicht geringen Leidensdruck ADHS stehenden jungen Betroffenen, ein informatives Plädoyer gehalten werden. Ganz im Sinne der Ziele des Österreichischen Kinderschutzbundes. (www.kiddycoach.or.at, Dr. Dieter Zani, ärztlicher Leiter)
Eltern im Zweifel
Konträr zum vorher beschriebenen Phänomen nimmt der Autor in der Beratungspraxis (Lehrer-, Familien- und Erziehungsberatung, Seminarreihen) allerdings auch zunehmend wahr, dass Eltern gar nicht so selten so etwas wie Angst davor haben, es könnte vielleicht die Diagnose ADHS gestellt werden und in der Folge könne jemand aus dem schulischen Umfeld oder aufgrund »medizinischer Indikation« darauf bestehen, dass ihr Kind medikamentös behandelt werden müsse.
So, wie Michaels Mutter….
Fall1: Chaos im Kopf
Michael, 8, ist offenbar ein echter Zappelphilipp! Das merkt man nicht nur, wenn man ihm gegenübersteht und sich intensiv um seine Aufmerksamkeit bemühen muss. Sobald man sich mutig getraut, kurz in sein Zimmer zu schauen, findet man es ziemlich sicher in einem chaotischen Ausnahmezustand vor: Unzählige angefangene Spiele liegen herum; im Gespräch mit ihm merkt man, wie viele »Projekte« der Bub offensichtlich im Kopf hat und keines scheint er als abgeschlossen zu betrachten. Am stärksten aber fallen seine Unruhe und die oft unmotivierten Verhaltensmuster, wie Herausrufen, Aufspringen und Zappeln natürlich während des Schulunterrichts auf! Michaels Mutter wirkt im Gespräch aber vor allem verunsichert, genauso, wie es wahrscheinlich viele andere Eltern auch sind: »Michi scheint sich oft nicht glücklich zu fühlen und ich bin nun total unsicher, ob ich ihm helfen kann, wenn ich gar nicht weiß, wie er sich wirklich fühlt! Aber dass er dann nach einer ADHS- Diagnose Medikamente nehmen muss, will ich eben auch nicht!«
Fall2: Alles klar?
Während also Michaels Mutter über den Symptomcluster ihres Sohnes und die möglichen Maßnahmen eher tiefe Verunsicherung verspürt, vertreten die Eltern des 10 jährigen Stefan eine weitere, sehr häufig wahrzunehmende, und aus Sicht der betroffenen Kinder wahrscheinlich ebenso einseitige Herangehensweise: „Also wir sind sehr froh, dass die Diagnose ADHS gestellt worden ist, und wir Ritalin haben, weil ohne Medikament würde unser Kind den Tag nicht durchstehen!« meint der Vater, während Stefan, sichtlich unangenehm berührt, dabei hockt. »Schon gar nicht den Vormittag in der Schule! Übrigens, bevor Stefan Ritalin bekommen hat, war seine Handschrift furchtbar!“
Für Stefans Eltern scheint also alles klar! Für Stefan, der sich im Gespräch selbst als »krank« bezeichnet, übrigens auch! Also keine Unsicherheiten mehr. Das Schriftbild ist eben jetzt schöner. Was will man mehr? Die Therapie - derzeit erhält der Bub übrigens ohne jede weitere begleitende Maßnahme ausschließlich die bei ADHS meistverschriebenen Medikamente, Ritalin und Concerta - scheint also goldrichtig! Doch trotz der vordergründigen Sicherheit treten schon während der ersten Beratung erste Ambivalenzen zutage: Wenn ich nur wüsste«, räumt die Mutter, plötzlich nachdenklich wirkend ein, »ob unser Sonnenschein sich jetzt wirklich besser fühlt? Manchmal hab´ ich nämlich das Gefühl…! Stefans Vater fällt ihr unvermittelt ins Wort: Und dass in der Schule alles jetzt viel besser funktioniert, seit er das Mittel nimmt, zählt für dich nicht? Das ist doch das Wichtigste, oder? Ja, sicher, das zählt, aber......
Es gibt keine hundertprozentige Wahrheit, genauso wenig wie es hundertprozentigen Alkohol gibt.
Sigmund Freud
Mein Kind verstehen…
Sehr vielen Eltern, Lehrern, eigentlich allen liebevollen Bezugspersonen, liegt also ganz offensichtlich eine Komponente von ADHS besonders am Herzen: Ihr betroffenes Kind wirklich verstehen, oder sich wenigstens zuweilen in das Kind einfühlen zu können, um ihm einfach wirklich und vor allem nachhaltig zu helfen
Bevor wir uns daher den Themen Medikation, Diagnostik und multimodale, sowie alternative Therapieansätze annähern, soll zunächst ein wenig Verständnis für mögliche Ursachen von ADHS, sowie für die Erlebenswelt von Betroffenen vermittelt werden. Dazu unternehmen wir je einen kurzen, punktuellen Exkurs in die psychogenetischen und die psychosozialen Komponenten in leicht verständlicher Form.
Verrauschte Nachrichten (Psychogenese)
Derzeit geht die Wissenschaft von einer mehr als 70%igen Gewichtung genetischer Prädisposition (genetisch bedingte Anlage), aber auch von einer wohl vorhandenen erhöhten Vulnerabilität aus, damit ein ADHS sich überhaupt entwickeln kann. In einem bestimmten Bereich des Frontalhirns mangelt es in der Folge bei ADHS- betroffenen Menschern (striatofrontaler Cortex) erwiesenermaßen ausgerechnet an jenen Substanzen (Botenstoffen), die die Aufgabe hätten, verlässlich Nachrichten weiterzugeben.
ADHS kann man also schlicht ein »Nachrichtenproblem im Gehirn«nennen! Am Besten stellt man sich einen Radioempfänger vor, der nicht genau eingestellt ist: Zwar nimmt der Betroffene die aus anderen Teilen seines Gehirns ankommende Nachrichten irgendwie wahr, aber dafür zuweilen ziemlich verrauscht und ungenau, mitunter eben auch unvollständig. (G.Spitzer, "Warum zappelt Philipp?")
Wenn das Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so dumm, dass wir es nicht verstehen könnten!
Jostein Gaarder
Doch wie fühlt es sich nun an?
Stellen Sie sich vor, andauernd, ob in Ruhe- oder Aktivitätsphasen, wie unter Strom zu stehen! Nehmen Sie dies ruhig wörtlich: Als hielten Sie zwei Finger permanent an eine Steckdose, aus der eine ungefährliche Spannung Sie durchströmte. Ungefährlich ja, aber immerhin: Strom! Wie gesagt: Andauernd! Welcher geneigte Leser vermag sich dies eigentlich so richtig vorzustellen? (Der Autor weiß übrigens als selbst Betroffener sehr genau, wovon er hier spricht…)
Auch die Fähigkeit, die für den jeweiligen Handlungsstrang unwichtigen Impulse (Umgebungs- Geräusche, Gerüche, Bewegungen, Lichtreflexe, Luftbewegungen…) automatisch auszufiltern, ist mangelhaft bis kaum vorhanden. Etwas, das für ein normal funktionierendes Gehirn ganz selbstverständlich ist, um nicht überlastet, überreizt zu werden. Das betroffene Kind jedoch nimmt nahezu jeden noch so unbedeutenden Sinnes-Impuls als gleichwertig wahr. Eine Flut von Reizen stürmt also im Sekundentakt auf das geplagte Gehirn ein. Im Fachjargon heißt das Reiz- Offenheit (zuweilen auch Sinnes- Offenheit). Impulsives, unkonzentriertes, oft auch eben »gereiztes« Verhalten sind die natürlichen Folgen dieses inneren Chaos. Ein straker, vor allem realer Leidensdruck! Wer also sollte sich dann noch über die viel gefürchtete Ablenkbarkeit bei Kindern mit ADHS wundern…?
In direkter Folge der zuvor beschriebenen Reizüberflutung passiert auch etwas, dass der Autor in seinem Buch »Warum zappelt Philipp?« eher liebevoll mit »Input-Sucht« beschreibt. »Man wird einfach süchtig nach noch mehr der ohnehin schon überbordenden Reize. Dazu neigen wir Menschen nun mal.« Paul Watzlawik beschreibt es in seiner »Anleitung zum Unglücklichsein« mit »...noch mehr desselben!« Dieses Phänomen der Öffnung und Suchenach immer neuen Reizen wird neuerdings mit »physiologischem Aktivierungsmangel« wird beschrieben.
Nun, da wir eine vage Vorstellung von der Gefühlswelt dieser belasteten Persönlichkeiten haben, leiten wir langsam zur Diagnostik und Therapie, abschließend aber auch zu den positiven Aspekten von ADHS über…
Nicht überall, wo ADHS draufsteht…
An dieser Stelle sei eindringlich zur Vorsicht gemahnt: Nicht jedes unaufmerksame, zappelige, Kind ist hyperaktiv bzw. hat ADHS! Vielleicht ist es eben nur sehr verspielt, lebendig, lebhaft und Reiz-offen. Auch kann das Verhalten ganz andere, vielfältige Ursachen haben. Und die können natürlich auch sehr stark mit dem sozialen Umfeld, eben den Bedingungen in der Kernfamilie zusammenhängen. Ein bekannter deutscher Psychologe, Hans-Reinhard Schmidt, (Bonn) formuliert es so: »Häufig diagnostizieren Ärzte ADHS bei Kindern, die eigentlich unter anderen Problemen leiden. Ein Teil hat Entwicklungsverzögerungen oder Wahrnehmungsstörungen, zum Beispiel Legasthenie, Dyskalkulie, Probleme mit dem Gehör oder dem Gesichtssinn oder psychomotorische Störungen.«
Einfache Diagnose?
Kurz und klar gesagt: Einfach ist eine verlässliche Diagnostik keineswegs! Zumal, weil es für die allermeisten »Störungen« im menschlichen Gehirn noch immer keine standardisierte Bild gebende Darstellung gibt, sieht man von den Versuchen mit dem überaus teuren PET- Scan und neuerdings dem so genannten QEEG einmal ab.
Also müssen auch die besten Diagnostiker vor allem eines tun: Fragen stellen! Und genau das tun Ärzte, an deren Konsultation bei ernsthafter Herangehensweise für Eltern wohl kein Weg vorbeiführt: Mit vielen Fragebögen und Tests, die nach internationalen Kriterien standardisiert sind (zB: DSM IV- Handbuch) grenzen z.B. Kinderärzte, Kinder- und Jugendpsychiater oder Kinderpsychologen die Ursachen für die Symptomatiken ein. Idealerweise erfolgt das in drei Phasen:
- Befragung des Kindes, der Eltern und Bezugspersonen über die spezifischen Symptome (Anamnese),
- Intelligenz- und Leistungsdiagnostik. Hintergrund ist, dass intellektuelle Überforderungen oft Schulprobleme nach sich ziehen,
- Abklärung der Beziehungssituation innerhalb der Kernfamilie des Kindes. (die schon angedeuteten psychosozialen Faktoren).
Modern ausgedrückt: Der »systemische Ansatz« in Kernfamilie und Umfeld. Hier liegen bedeutende Ansatzpunkte für eine spätere Therapie.
Für die angesprochenen psychosozialen Komponenten in diesem Erscheinungsbild, sollte jedoch auch der Gang zu einem einfühlsamen Familien-, oder Erziehungsberater oder Kinder-Psychologen erwogen werden.
Eine kleine Hilfe - Der 3 fach Check
Da vielerorts, vor allem auch bei Lehrpersonal große Unsicherheit besteht, ob man ADHS überhaupt in Erwägung ziehen soll, darf der Autor Ihnen, werte Leser, hier ein wenig Eigenkompetenz vermitteln, die eigenen Wahrnehmungen in Richtung ADHS zunächst einzugrenzen und erst danach entsprechend zu handeln:
Um überhaupt von ADHS sprechen zu können, müssen…
1) …die Haupt- Symptome mindestens seit sechs Monaten ununterbrochen vorliegen;
2) ….diese erstmals bereits vor dem siebten Lebensjahr aufgetreten sein und
3) …die beschriebenen Kernsymptome wirklich in allen Lebenssituationen (Alltagsleben, Urlaub, Stillbeschäftigung, Sport.....) auftreten. Nicht nur beispielsweise im schulischen Kontext, was sehr oft der Fall ist.
Multimodale Therapie
Wurde ADHS oder ADS einmal als sehr wahrscheinlich eingestuft, sollte man an eine Besserung des Leidensdrucks keinesfalls einseitig herangehen.
Die Gabe von Psychostimulazien wie Ritalin, Concerta. Medikinet u.a, oder zunehmend von selektiven Serotonin Antagonist Wiederaufnahmehemmern (SARI) wie dem neueren Präparat, Strattera, welche allesamt die derzeit für Kinder ab dem 6. Lebensjahr zugelassen sind, können zwar eine gewisse »Abschirmung« vor noch mehr negativen Erlebnissen erreichen, aber es »…sollte klar sein, dass diese Substanzen nicht heilen können, sondern bestenfalls die Symptome lindern helfen«, betont der schon zitierte Hans-Reinhard Schmidt. Schon deshalb sollten Medikamente, wie in Stefans Fall, keinesfalls als alleinige Lösung angesehen und angewandt werden.
Tatsächlich können Medikamente Kindern helfen, überhaupt erst Zugang zu einer Psychotherapie zu finden. »Das vordringliche Ziel sollte aber in jedem Fall sein, dass man durch begleitende Maßnahmen das Medikament langsam immer niedriger dosieren kann, bis es schließlich überflüssig wird«, fordert Schmidt. »Wichtiger sei es, die Grundstörungen und Verhaltensmuster zu beseitigen, die dazu angetan sind, den ADHS-Leidensdruck zu verstärken.«
Starke Alternativen?
Ganz und gar nicht »nutzlos« - wie man zuweilen liest - sind unterstützende Maßnahmen wie die Homöopathie, Verhaltenstraining (Familienberater), tiergestützte Therapien oder als neuer Zugang das Neurofeedback (Hämoencepahlographie) ganz und gar nicht nutzlos sind, wie man zuweilen liest, meint Dr. Dieter Zani, Kinder- und Jugendpsychiater, Homäopath und ärztlicher Leiter des Vereins KiddyCoach..
Obwohl die sogenannten Ausschließungsdiäten (Zucker-, Phosphatvermeidung, u.a.) nicht empfehlenswert sind, ist der Autor im Zuge seiner Recherchen auf eine vieldiskutierte diätische Behandlungsalternative aufmerksam geworden: Auf den Einsatz von hochwertigen Kombinationspräparaten aus Omega3 / Omega 6-Fettsäuren, welche den Stoffwechsel der Hirnsynapsen-Strecken (Nervenbahnen) bei vorliegenden Störungen überaus positiv unterstützen können; schließlich geht man ja, wie oben beschrieben, zum Großteil von einer Stoffwechselstörung aus; Fettsäuren in dieser besonderen Kombination sind essentielle und unverzichtbare Bestandteile für den gesunden Aufbau und die Erhaltung der Normalfunktionen unserer Nervenbahnen.
Nach Recherchen des Autors hat in Österreich derzeit nur das Produkt Equazen Pro eine Zulassung zur diätetischen Behandlung von Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen, da es seine Wirkung in aufwändigen Plazebo- kontrollierten Studien zeigen konnte. Als Teil des multimodalen Therapieansatzes kann die Gabe von Omega3 /Omega6 Fettsäuren nicht nur als Zusatz zu bereits laufender Medikation zum Einsatz kommen, sondern auch als gänzliche Alternative für jene Eltern, die ohnehin keine Psychostimulanzien oder SARI einsetzen möchten.
Hilfreich auch ohne ADHS?
In weiteren Studien konnte übrigens das oben genannte Präparat durch seine offenbar gut ausgewogene Fettsäuren- Kombination auch seine Eignung für Kinder zeigen, bei denen die Indikation für eine Stimulantientherapie nicht, bzw. nicht eindeutig gegeben war (nach DSM IV: ADHS-Symptomatik nicht „abnorm“ erhöht). Auch bei diesen Betroffenen konnte eine signifikante Verbesserung der Symptome Konzentrationsstörung und Aufmerksamkeitsdefizit erreicht werden
Verhaltensmodifikation
Da AHDS ja immerhin verschiedene Verhaltensmuster generiert, kann eine Änderung des Umgangs mit einem Betroffenen ganz sicher dazu beitragen, ob sich diese Muster verstärken oder abschwächen. Dazu ist es übrigens nie zu spät: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen von einem »plastischen Gehirn«, welches sich durch entsprechendes Verhalten ein Leben lang umformt und neu orientiert!
Deshalb weiß man seit Neuestem, dass nicht unser Gehirn über unser Leben bestimmt, sondern es sich vielmehr danach richtet, wie wir es hauptsächlich gebrauchen...
Unser Gehirn ist nichts Anderes, ein als Produzent für Gebrauchsspuren.
William James
Was liegt also näher, als durch entspannten Umgang mit ADHS-betroffenen Kindern manch eine positive Veränderung herbeizuführen?
Daher soll an dieser Stelle ein Betroffener selbst zu Wort kommen:
Zappelphilipps Top Tipps
Unterstützt und helft uns von Herzen und mit Rat und Tat, wenn der Leidensdruck wirklich zu hoch erscheint, aber bitte wertet unser häufiges „Fehlverhalten“ nicht unnötig auf! Wenn wir uns ohnehin schon zappelig fühlen, tut es uns nicht ganz so gut, wenn wir das auch noch andauernd zu hören bekommen.
Bezeichnet uns doch bitte nicht als »erkrankt«, sondern vielleicht wertfrei als »betroffen«.
Achtet bitte darauf, dass wir Betroffenen weniger Reizen ausgesetzt sind, sondern vielmehr bleibende Eindrücke aufnehmen können. Reize: Exzessive Handynutzung, Fernsehen, Computerspiele, Spielparks in lauter Umgebung, zu viele Freizeitangebote… Eindrücke: Wanderung im Grünen, Museumsbesuche in Entspannung und Ruhe, lustige Brettspiele, nur ein einziges Hobby...
Besprecht doch bitte öfters mit uns Kindern, was wir gerade zuvor gemacht haben. So lernt unser reizüberflutetes Gehirn, sich Erlebtes einzuprägen und es längerfristig zu behalten.
Denkt bitte daran, dass wir ADHS- betroffene Kinder mit mangelndem Selbstwertgefühl zu kämpfen haben. Daher sind für uns Anerkennung und Lob wichtige Werkzeuge zur besseren Selbstwahrnehmung.
Bestärkt uns bitte darin, möglichst lange bei ein und derselben Sache, Hobby, Vorhaben zu verweilen.
Benefits oder Defizit?
Neben all den Defiziten hat ADHS übrigens auch oft ungeahnte Vorteile: Die meisten Betroffenen scheinen schier unerschöpfliche Energien zu besitzen. Besondere Begabungen, wie eine hohe Auffassungsgabe, sprachliche Eloquenz und oft hohe Kreativität stehen Kindern mit ADHS schon aufgrund der beschriebenen Sinnes-Offenheit zur Verfügung.
Ihr Durst nach neuen Inputs macht Kinder mit AHDS offen, neugierig und fast »unersättlich« in ihrem Wissensdurst!
Die hohen Potentiale auszunützen, fällt einem ADHS Kind ohne Hilfe allerdings meist sehr schwer. Darum hört man von Lehrern und Lehrerinnen immer wieder Beurteilungen wie: »Er/Sie könnte ja so viel mehr, wenn er/sie nur wollte«.
Wenn Sie es aber verstehen, das wahre Potential Ihres ADHS- Kindes zu entdecken und richtig zu fördern, werden Sie später einen jungen Erwachsenen erleben, der mit höchster Hingabe und unglaublicher Entwicklungsfähigkeit seine Aufgabe meistert. Hohe Begeisterungsfähigkeit, Energie und kreative Lösungen sind sehr oft die verblüffenden »Neben-Effekte« von ADHS!
Für Michael und Stefan muss es später keinesfalls von Nachteil sein, wenn sie mit ihrem inneren Chaos bestens vertraut sind. Es gibt schließlich viele Berufe, die »stressfeste« Persönlichkeiten und deren Potentiale geradezu dringend benötigen…
Und die Gesellschaft benötigt solche Menschen auch! Wie schon immer in ihrer Geschichte….
Verwendete Literatur:
DeGrandpre, Richard (2002): Die Ritalin-Gesellschaft. ADS: Eine Generation wird krankgeschrieben. Weinheim/Basel: Beltz
Döpfner, Manfred (2002): Hyperkinetische Störungen. In: F. Petermann (Hrsg.). Lehrbuch der klinischen Kinderpsychologie. Göttingen: Hogrefe, S.152–179.
Hallowell, Edward. M. u. John J. Ratey (2006): »Zwanghaft zerstreut« Die Unfähigkeit aufmerksam zu sein. Berlin: Rowohlt.
Hücker, Franz-Josef (2005): Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom: Forschung und Perspektive. In: Psychotherapie Forum 13, Nr. 2, Wien: Springer, S. 41-46.
Lauth, Gerhard. W.; und Peter, F. Schlottke (2009): Training mit aufmerksamkeitsgestörten Kindern. Diagnostik und Therapie. Weinheim: Beltz.
Neuhaus, Cordula (1995): Tipps für Pädagogen. Ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom im Unterricht. Weinheim: Psychologie-Verlags-Union.
Gerhard Spitzer (2010): »Warum zappelt Philipp?«, Wie wir entspannt mit ADHS umgehen können. Wien: Üeberreuter.
Paul Wender: Aufmerksamkeits- und Aktivitätsstörungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, ISBN 3-17-017097-X
Buchempfehlungen für Eltern aus Döpfner, M. 1997:
Wender, P.H.. Das hyperaktive Kind. Ravensburger Buchverlag Otto Maier, Ravensburg, 1991.
Eichelseder, W.: Unkonzentriert? Hilfen für hyperaktive Kinder und ihre Eltern. Beltz, Weinheim, 1995.
Weitere Quellen
Ulrich Knölker (2003): Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie systematisch. Bremen:Uni-Med Verlag AG,
Baumgaertel, Anna, Wolraich, Mark., Dietrich, M. (1995): Comparison of diagnostic criteria for attention deficit disorder in a German elemantary school sample. Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry 34, S. 629–638
Bush,G., Valera E. M., und Seidman L.J. (2005): Functional neuroimaging of attention-deficit/hyperactivity disorder: a review and suggested future directions. In: Biol Psychiatry. 2005 Jun 1;57(11):S. 1273–84. PMID 15949999 Stellungnahme zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) der Bundesärztekammer Deutschland.
Deutsche.Ges.f. Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter.
Fachinformation des Arzneimittel-Kompendium der Schweiz: Ritalin®/- SR/- LA; Stand der Informationen: Juli 2006
ADD-Online: FAQ – Fragen und Antworten zu ADHS bei Erwachsenen
Weblinks
www.kiddycoach.or.at
http://www.adapt.at/
http://www.kiprax.at/
http://www.oekids.at/
http://www.lobby4kids.at
http://www.lumrix.de/icd/med/aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.html
http://www.adhs-anderswelt.de/index.php?topic=12296.0
Gerhard Spitzer, Dozent für Lehrerfortbildung an drei Pädagogischen Hochschulen in Österreich. Lebens- und Sozialberater, Familien-Coach. Konsulent in vielen Pädagogischen Einrichtungen. Studium der Erziehungswissenschaft. Über 27 Jahre Arbeit als Intensiv- Betreuer und Lehrer mit verhaltensoriginellen Kindern und Jugendlichen. Gern gehört sind seine Seminar-Kabaretts, gern gelesen werden seine Kolumnen in österreichischen Eltern- Magazinen wie Fratz& Co., Spatzenpost ua.
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