Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.

Kinderfreundliche Erziehung – eine Erziehung ohne Männer?

Josef Christian Aigner

Wer wie der Autor lange Jahre über die Bedeutung des Vaters und auch über die Tragik des weitgehenden Fehlens vieler Väter geforscht hat*, den interessiert irgendwann einmal auch, wie es um die pädagogische Bedeutung von Männern für kleine Kindern in der öffentlichen Erziehung bestellt ist. Angesichts der in der Fachliteratur, aber auch in vielen Erfahrungen in Therapie und Beratung sowie in der Literatur bemerkbaren Tendenzen einer verbreiteten intensiven Vatersehnsucht müssten doch auch hier Männer (sozusagen als symbolische Vaterfiguren wichtig und begehrt sein.

Die Ausgangslage ist ernüchternd: In Österreichs Volksschulen, in denen in den 1970-er Jahren noch knapp die Hälfte der Lehrer/innen Männer waren, sind heute nur mehr rund 9% männliche Lehrer – ein rasanter und dramatischer "Aderlass" an männlichem pädagogischen Personal innerhalb weniger Jahrzehnte. Und der Anteil männlicher Studierender geht trotz der Aufwertung des Lehrerberufs von der Pädagogischen Akademie zur Pädagogischen Hochschule samt Bachelor-Abschluss noch weiter zurück. In den Kindergärten, wo Männer ohnehin noch nie wirklich vertreten waren, nimmt Österreich mit rund 1,4% beschäftigten Männern einen der letzten Plätze in Europa ein (zum Vergleich: Deutschland 3,5%, Dänemark rund 8%, Norwegen als führendes europäisches Land rund 9%).

Dies veranlasste uns, ein Forschungsprojekt, das vom Fond zur Förderung der Wissen-schaftlichen Forschung (FWF) dann auch genehmigt wurde, zu beantragen, das den Biografien, Beziehungen, Berufswahlmotiven und anderen Eigenheiten dieser wenigen österreichischen Kindergartenpädagogen nachgehen sollte. Wir nannten das Projekt zunächst "Public fathers" als Hinweis darauf, dass diese Männer wohl auch eine symbolische Väterlichkeit repräsentieren, was sich sowohl im Fühlen dieser Männer als auch in den Zuwendungen, die sie von Kindern erleben, auch bestätigte.

Forschen über Männer im Kindergarten

Neben Fragebögen an Kindergartenpädagogik-Schüler/innen in der Ausbildung, an im Kindergarten tätige Männer und Frauen, aber auch an Schüler/innen schon vor der Berufs- und Ausbildungswahl führten wir auch 76 qualitative Interviews mit ausgewählten Kindergartenpädagoge (und einer Kontrollgruppe Frauen), die der Frage nachgingen, wie es diesen wenigen Männern in ihrer Arbeit geht und ergangen ist und ob irgend etwas an ihnen Schlüsse darüber zuließe, dass und wie man künftig mehr Männer in diesen (schönen!) Beruf bekommen könnte.

Die Ergebnisse, die hier nur in der gebotenen Kürze angedeutet werden können, belegen insgesamt eine breite Zustimmung zu männlichen Pädagogen im Kindergarten in allen Befragtengruppen. Diese Burschen und Männer werden als kompetente und engagierte Fachkräfte geschätzt. Es gibt aber natürlich auch spezifische Schwierigkeiten und Barrieren, die es Burschen und Männern erschweren, sich für das Arbeitsfeld der Bildung und Betreuung von Kindern zu entscheiden. Dabei sind diese Männer – entgegen mancher Vorannehme - keine „Sonderlinge“, sondern vielfältig erscheinende und oftmals sehr reflektierte Männer, die einen wichtigen Beitrag für mehr Diversität im Berufsfeld leisten können.

In unseren Hypothesen hatten wir angenommen, dass sich in der Biographie männlicher Erzieher auffällige Hinweise auf väterliche Zuwendung, väterliche Fürsorglichkeit usw. finden lassen – quasi als nachzuahmendes Vorbild: dies mussten wir sofort wieder fallen lassen! Es waren nämlich in erster Linie Frauen, die den jungen Männern den Weg zu diesem Beruf wiesen. Dabei spielen die Mütter, zu denen oft eine sehr innige beziehungsweise ambivalente Beziehung bestand, eine große Rolle: sie sind es offenbar, die es den jungen Männern "erlauben", dass sie diesen Weg einschlagen, ohne sich irgendwie "entmännlicht" vorkommen zu müssen.

Familie und Kindheit wird von den meisten befragten Männern als positiv beschrieben. Die meisten schildern dabei traditionelle geschlechtstypische Familienverhältnisse, in der die Mütter den größten Teil der Kindererziehung übernahmen, während die Väter beruflich bedingt nur wenig als Bezugsperson zur Verfügung standen - also "ganz normal", etwas Durchschnittliches in unserer Gesellschaft. Im Unterschied zu den meisten weiblichen Kolleginnen steigen viele der Männer quer in diesen Beruf ein: Viele sahen sich in einer Lebens- und Berufssituation, die man als Neuorientierungsphase bezeichnen kann, wobei häufig Unzufriedenheit mit der bisherigen Arbeit, Probleme, einen Arbeitsplatz zu finden oder aber die männlich-konkurrenzhafte Wirtschaft satt zu haben, eine Rolle spielten.

Einstiegsbarrieren

Als wesentliche Einstiegsbarrieren für Männer erscheinen zunächst das geringe Gehalt, aber noch mehr das schlechte Image des Berufs – und dies nicht nur innerhalb der gesamtgesellschaftlichen Berufshierarchie, sondern auch durch die Vorurteile in den peers: denn eigentlich interessiert sich etwa ein Viertel der befragten Schüler grundsätzlich für eine Arbeit mit Kindern, aber es gibt eine ähnlich große Gruppe männlicher Jugendlicher, die männliche Kindergartenpädagogen als keine „richtigen Männer“ gering schätzt und sogar offen mit sexuellem Missbrauch und Pädophilie in Verbindung bringt. Der "Generalverdacht", dass Männer also gefährdet sind, übergriffig zu sein, reicht bis in die alltägliche Praxis hinein: in vielen betrieben dürfen die Männer nicht mit den Kindern aufs Klo gehen, nicht wickeln, keine Intimpflege usw. Ein Wunder eigentlich, dass sich unter diesen Bedingungen überhaupt eins gewisse Anzahl Männer findet, die dennoch diesen Beruf wählen und das alles ignorieren können. Besonders dieses letztere Problem bedarf künftig intensiver bewusstseinsbildender Anstrengungen, ist es doch auch evident, dass Übergriffe auf Kinder durch Kindergartenpädagogen in ganz Europa so gut wie nicht vorkommen.

Mit der Ausbildung an den "Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik" (BAKIP) ist die Mehrheit der Burschen insgesamt zufrieden. Allerdings kommen – auch nach Ansicht vieler Mitschülerinnen – typisch „männliche“ Interessen und Themen in der Ausbildung zu kurz. Die Ausbildung erscheint vielen als "weiblichkeitslastig", gemessen an der Tradition dieses Berufs als Frauenberuf auch kein Wunder. Viele männliche Ausbildungskandidaten entscheiden sich dann schließlich auch gegen die Aufnahme des Berufs, auch wenn sie erfolgreich abschließen.

Hohe Berufszufriedenheit

Jene Männer aber, die den Weg in den Kindergarten finden, berichten insgesamt von sehr positiven Erfahrungen. Die meisten Männer sind im Kindergarten mit ihrer beruf-lichen Situation (Betriebsklima, Kontakt mit Eltern und Kindern, Abwechslung etc.) überdurchschnittlich zufrieden – dies gilt besonders für alternative, private Einrichtungen, die viel Gestaltungsspielraum gewähren. Vor allem die Möglichkeit, in der Arbeit persönlich-authentisch sein zu können und die positive Zuwendung, die manche von Kindern, Eltern, aber auch von Kolleginnen erleben, spielen hier eine wichtige Rolle. Angesichts dieses erfreulichen Umstands bezeichnen sie sogar ihre Zufriedenheit mit ihrer finanziellen Lage als durchschnittlich.

Dennoch ist bezüglich der Anerkennung dieses vielleicht wichtigsten, grundlegenden pädagogischen Berufs ein radikales Umdenken notwendig, das sich auch in einer deutlichen Höherdotierung dieser Arbeit ausdrückt. Aber man sieht: Geld allein ist nicht alles.

Was machen Männer anders?

Was machen Männer nun pädagogisch anders als Frauen? Insgesamt belegt die Studie, dass es deutliche Unterschiede in den Einstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen von Männern und Frauen im Bereich der Kinderbetreuung gibt. Zwar wird seitens der Kolleginnen von Männern erwartet, dass sie dieselben Aufgaben wie Frauen übernehmen, gleichzeitig werden ihnen aber auch typisch „männliche“ Tätigkeiten wie etwa Hausmeisterarbeiten zugewiesen. Häufiger werden Burschen und Männern weiters insbesondere Spiele im Freien, körperbetontes und wildes Spiel, mehr Zutrauen und Risikobereitschaft sowie ein etwas laxerer Umgang mit Regeln („öfters mal ein Auge zudrücken“) zugeschrieben. Bastelangebote, Ordnung und Kontrolle, das Trösten von Kindern sowie Ängstlichkeit werden dagegen eher Mädchen und Frauen zugeordnet – und zwar von beiden Geschlechtern. Der Kommunikationsstil von Männern im Team wird – auch für die meisten Frauen in angenehmer Weise! – als „direkter“ beschrieben, Konflikte werden schneller auf den Punkt gebracht.

Etwa 80% der Männer und Frauen meinen, dass Männer einen anderen Zugang zu Kindern haben. Männer bringen mehr Vielfalt in den Kindergarten ein, insbesondere eben auch „männliche“ Interessen und Themen. Als ein wesentlicher Aspekt eines „männlichen Stils“ in der Erziehung kann der stärker körperorientierte Zugang zu Kindern angesehen werden. Dies relativiert aktuelle erziehungswissenschaftliche Ansätze, die die Bedeutung des (männlichen bzw. weiblichen) Körpers für pädagogische Beziehungen relativieren oder gänzlich in Abrede stellen. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts bestätigen damit Ergebnisse internationaler Untersuchungen, die einen „männlichen“ Zugang zur Kindererziehung finden.

Dies darf nun keineswegs zur Neuaufrichtung oder Zementierung traditioneller Geschlechterstereotypen führen. Aber die Aufnahme und Anerkennung "kulturell männlicher" Tätigkeiten und Vorlieben ist die Voraussetzung dafür, dass die Geschlechtervorlieben sich langsam durchmischen können, dass weibliche Tätige wie auch die Mädchen Spaß und Freude an den bisher wenig repräsentierten Tätigkeiten, die mehrheitlich Männer auszeichnen, finden. Und dies bestätigt sich auch eindrucksvoll in Ländern, die diesbezüglich weiter fortgeschritten sind, wie etwa in Norwegen. Zudem müssen weibliche wie männliche Fachkräfte künftig verstärkt geschlechtersensibel ausgebildet werden.

"Public fathers" – Die öffentlichen Väter

In der tiefenpsychologischen Analyse der Interviews wurde deutlich, dass männliche Kindergartenpädagogen sehr wohl väterliche Gefühle aber auch Zuschreibungen seitens der Kinder erfahren. Manche meinen deutlich und im Vorhinein bemerken zu können, ob es sich um ein vaterloses Kind handelt, je nach der Art, wie es auf sie zugeht. Diese Männer empfinden sich auch als „Befreier aus der mütterlichen Erstarrung“, die manchen Kindergarten als einseitig „weibliche Welt" erscheinen lässt (was auch viele der befragten Frauen beklagen).

Dennoch haben es diese Männer nicht immer leicht. Als derart krasse Minderheit zu gelten, schafft auch Identitätsprobleme und teilweise recht prekäre Männlichkeitsgefühle. Manche wehren diese Prekarität mit "Zyperns" Verhalten – wie wir das nannten – ab, indem sie sich als betont männlich geben (z.B. Bodybuilding, Motorradhobby u.a.m.). Andere hingegen distanzieren sich vom gesellschaftlich typisch Männlichen und wehren diese Selbstzweifel mittels "semifemininer" Anpassung an die Frauenwelt des Kindergartens ab. Nichts desto trotz repräsentieren beide Typen (und alle Zwischentypen) für die Kinder, dass auch Männer für die Sorge um sie und für die Zuwendung zu Kindern zuständig sind!

Resümee

Insgesamt kann einem verstärkten Einbezug von Männern in die österreichische Elementarpädagogik ein hohes Innovationspotential zugesprochen werden. Die Ergebnisse des Forschungsprojekts unterstreichen damit aktuelle Forderungen des Aktionsplanes der Europäischen Kommission zu Frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erzie-hung. Hier wird festgestellt, dass es vor dem Hintergrund der unausgewogenen Repräsentation der Geschlechter im Arbeitsfeld Kindergarten „dringend erforderlich“ sei, „in allen EU-Ländern die Laufbahn im FBBE-Sektor für Männer attraktiver zu machen“ (Europäische Kommission 2011). In diesem Zusammenhang weist die Kommis-sion auch auf die generelle Notwendigkeit von höheren Gehältern, besseren Arbeitsbedingungen und einem höheren Niveau und einer größeren Vielfalt der verlangten Bildungsabschlüsse hin.

Eine kinderfreundlichere Gesellschaft – das ist nicht nur die Überzeugung europäischer Kinderschutzbewegungen – sollte jedenfalls alles tun, um im Sinne der Egalisierung der Aufgaben von Frauen und Männern gegenüber Kindern und Heranwachsenden mehr Männer für diese Tätigkeiten anzuwerben. Dazu bedürfte es des politischen Willens, des Einsatzes wichtiger Entscheidungsträger und eines Umdenkens im Bereich der Kosten, die öffentliche Erziehung verursachen darf und soll.

Wer aber – wie Politiker/innen aller Parteien – so gern in Sonn- und Feiertagsansprachen von den Kindern als "wichtigstem Gut für die Zukunft der Gesellschaft" spricht – und das tun sie wirklich alle – für den und für die dürfte ein solches Umdenken und entsprechende, dann wohl auch wenig umstrittene Beschlüsse doch eigentlich kein Problem sein?

* Anmerkung: das aus der Vaterforschung resultierende, beim Psychosoziale-Verlag 2001 erstmals erschienene Buch "Der ferne Vater" gehört denn auch zu den meist nachgefragten Titeln des Verlags und erlebt mittlerweile 3 Auflagen.

Zum Autor:

Josef Christian Aigner, Dr. phil., Psychologe, Psychoanalytiker und Psychotherapeut Professor für Psychosoziale Arbeit und Psychoanalytische Pädagogik an der Fakultät für Bildungswis-senschaften der Universität Innsbruck. Lange Jahre Vorstandsmitglied des Österreichischen Kinder-schutzbundes. Hans Czermak-Preisträger 1993.

Website:

http://www.uibk.ac.at/psyko/forschung/elementar/
Der im März 2011 abgeschlossene Forschungsbericht ist noch nicht publiziert und erscheint vorauss. im Dezember 2011 im Verlag für Sozialwissenschaften (VS-Verlag), Wiesbaden.


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