Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unsererZeitung KINDERSCHUTZAKTIV.
Kein Kind beschämen
Reinhard Kahl
Wie kommt es, dass Schulen in Skandinavien so erfolgreich sind? Woran liegt es, dass sich in Finnland und Schweden ein Innovationsklima ausbreitet? Geht das: Lust und Leistung Hand in Hand? Lassen wir uns von den Weltmeistern im Lernen, den Finninnen, überraschen. Lassen wir uns von den Schwedinnen den Sinn für das, was möglich ist, weiten:
Kinder niemals beschämen und nicht gängeln, das ist in Finnland die Grundidee. Respekt ist die Basis von Bildung. Und diesen Respekt, den die Erwachsenen von den Kindern erwarten, müssen sie ihnen erstmal entgegenbringen. Das machen die Finninnen! Ihre Maxime: Alle gehören dazu, niemand ist überflüssig. Alle werden gebraucht in einem Land von fünf Millionen Einwohnerinnen. Das heißt auch, alle müssen etwas können, denn sie müssen ja etwas beitragen. Und damit sie das auch selbst wollen, beginnt seit einigen Jahren bereits in der Vorschule eine neue Pädagogik.
Da man Kinder für geborene Lernerinnen hält, will die Vorschule Fragen der Kinder herausfordern, sie hungrig machen, ihrem Forscher- und Tätigkeitsdrang Gelegenheiten bieten. Zum Beispiel eine Vorschule in Jyväskylä. Sie bietet viele Gelegenheiten und macht klare Angebote. 15 Kinder, zwei Vorschullehrer und eine Assistentin in einem Raum, das beeindruckt die Besucherinnen. VorschullehrerInnen haben studiert! Man nennt sie Lehrer bzw. Lehrerin. Eine Lehrerin übt mit einem Jungen gerade seine Selbsteinschätzung. Noten werden ihm in den nächsten Jahren nicht begegnen, er lernt, sich selbst zu prüfen. Die Lehrerin überlegt zusammen mit ihm: Kann ich meine Gefühle zeigen? Kann ich mit anderen spielen? Kann ich warten, bis ich dran bin? Auf Fremdbestimmung nicht angewiesen sein, Selbstbestimmung kultivieren. Übungen, die diesen Prinzipien folgen, werden sich später auszahlen! Auch Schweden hat die Vorschule ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt. Wie in Finnland sind PädagogInnen, die in Krippen und Kindergärten arbeiten, akademisch ausgebildet. Von diesen vorschulischen Einrichtungen geht schon seit einiger Zeit eine neue Bildungsidee aus, die inzwischen bis ins Studium an den Hochschulen hinaufgestiegen ist: Selbstregulierung und Dialog!
In den skandinavischen Ländern hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass es auf den Anfang ankommt. Wenn der gelingt, ist schon vieles gewonnen! Man sagt hier: Kinder sind für andere Kinder der erste Pädagoge, der Lehrer ist der zweite und der Raum mit dem Interieur, das ist der dritte Pädagoge. Jedes Kind ist anders und jedes kann etwas anderes. Das sollen sie hier als ihren Vorteil entdecken, nicht als etwas, das korrigiert wird. Schon die Kleinsten präsentieren stolz ihre Produkte. Sie sammeln sie in ihren Mappen, man nennt sie bereits Portfolios. Und wenn die Kinder diese Portfolios mit Bildern oder ersten Texten durchblättern – die Texte haben zumeist die Lehrerinnen für sie aufgeschrieben –, dann erinnern sie sich.
Dokumentieren, erinnern, reflektieren und vor allem tätig sein, das sind Grundsätze in den Kindergärten, die allerdings nur selten ausgesprochen werden. Sie sind zu Haltungen der Erwachsenen geworden und stecken an. Vor allem gelten Spiel, Lernen und auch ernste Anstrengungen nicht als Widerspruch. Niemand sagt hier, im Kindergarten soll nur gespielt werden, bevor dann mit der Schule der „Ernst des Lebens“ eintritt.
Und so geht es natürlich mit verschobenen Akzenten in der Schule weiter, wie es im Kindergarten begonnen hat.
Finnische Schulen sind bis zum Abschluss der 9. Klasse Gemeinschaftsschulen für alle Kinder. Es gibt auch keine Sonderschulen mehr. Es gibt keine Auslese - weder nach Schulform noch in Leistungskurse. Die ersten vier Jahre gibt es auch keine Zensuren. Mit diesem Verzicht verliert die Schule nicht die Motivation der Kinder - im Gegenteil, sie gewinnt so die Atmosphäre für eine erstaunliche Arbeitshaltung! Und später sind dann die Noten nicht so wichtig. Wir besuchen eine Schule in Jyväskylä. Häufig ist im Unterricht eine Assistenzlehrerin/ein Assistenzlehrer dabei. Sie/Er erkennt rechtzeitig, wo es bei Kindern hakt, und dann wird geholfen. Es gibt Startergruppen für Schulanfängerinnen mit Entwicklungsnachteilen. Speziell ausgebildete Lehrerinnen arbeiten täglich mit wenigen Kindern in kleinen Gruppen, damit sie bald wieder Anschluss finden. Auch der Lernerfolg der Kinder hängt von der Haltung der Erwachsenen ab. Sie glauben daran, dass jedes Kind Lesen, Schreiben, Rechnen und Fremdsprachen lernt – und so ist es – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – dann auch.
Je älter die Schülerinnen sind, desto unwichtiger werden die Lehrerinnen. Für die Jugendlichen in den Oberklassen gibt der finnische Staat weniger Geld aus als zum Beispiel der deutsche. In der Vorschule und in der Grundschule ist das Verhältnis exakt umgekehrt. Die Investition in die frühen Jahre zahlt sich aus. Viele Jugendliche wurden vom Erreger, selbst etwas zu wollen, angesteckt. Selbstständig sind auch die Schulen. In Finnland stellen Schulleiterinnen die Lehrerinnen und Lehrer ein. Das Kollegium macht seinen Lehrplan. Die Schule ist nur der Kommune verantwortlich - eine zentrale staatliche Schulaufsicht gibt es nicht mehr, sie wurde schon vor vielen Jahren abgeschafft. Das Gesetz macht natürlich Vorgaben für den Unterricht und die Verteilung der Stunden auf die Fächer, aber die Umsetzung liegt in der Verantwortung der Schule.
In jedem finnischen Kollegium arbeitet ein Team von Psychologlnnen, Sozialarbeiterinnen und auch Therapeutinnen. Zusammen mit der/dem jeweiligen Klassenlehrerin und der/dem Schulleiterin beraten sie über die Schülerinnen. Wo haben sich Probleme gezeigt? Was können wir tun? Sie fragen nicht, wer Schuld hat. Und niemand wird ausgesondert. Keiner bleibt sitzen – außer vielleicht wegen langer Krankheit. Es sind nicht viel mehr als 100 Jugendliche im ganzen Land, die nach neun Jahren Schule keinen Abschluss erhalten. Finnische Schulen gehen bis in den Nachmittag. Das Mittagessen ist kostenlos. Gemeinsam essen ist auch ein Ritual, nicht Kalorienaufnahme. Das Essen ist ein Gemeinschaftsfeld der Schule. Zu den Erfolgsgeheimnissen der finnischen Schule gehört, dass sie den Schülerinnen viel gibt und von ihnen dann auch viel verlangt. Die Wertschätzung der nächsten Generation zeigt sich auch an den Räumen und an den Dingen. Schulen werden in Finnland von den besten Architektinnen gebaut. Finnland ist dabei, eine Lerngesellschaft zu werden, das Ziel wurde sogar in die Verfassung aufgenommen. Die finnische Gesellschaft investiert nicht nur mehr Geld in die Kinder, sie schenkt ihnen auch mehr Vertrauen und Freundlichkeit! Jorma Ojala, Professor für Didaktik an der Universität Jyväskylä sagt: "Die Kinder sind wie ein Spiegel. Wenn der Lehrer die Kinder nicht achtet, achten auch die Kinder den Lehrer nicht:' In der Universitätsstadt Jyväskylä liegen die Wurzeln der finnischen LehrerInnenbildung. Hier ist man immer noch in vielem einen Schritt weiter. "Früher dachte man: die Kinder haben den Lehrer zu verstehen", erinnert sich Professor Ojala, aber ich denke, heute es ist umgekehrt: „Der Lehrer oder die Lehrerin hat die Kinder zu verstehen!"
Wir wechseln wieder den Schauplatz und besuchen in Schweden die Futurum-Schule in Balsta nördlich von Stockholm. Eine Schule mit mehr als 1000 Schülerinnen. Aber die große Schule wurde in sechs kleine gegliedert, jede mit 160 Kindern von Klasse null, der Vorschulklasse, bis Klasse neun. Seit 1962 sind in Schweden alle Schulen Gesamtschulen. Noten gibt es bis zur 8. Klasse nirgends im Land, dafür gibt es umso mehr Individualisierung. Neben Unterrichten gehört hier Aufrichten zur Schule. Das haben in Schweden viele Lehrerinnen verstanden. Fürs Lernen sind allerdings die Mitschülerinnen häufig ebenso wichtige Lehrerinnen, wie die professionellen Pädagoglnnen. Hans Ahlenius, ein Lehrer, der den Umbau zur FuturumSchule mit vorangetrieben hat, betont, wie wichtig es ist, Schülerinnen unterschiedlichen Alters zu mischen. „Ältere Schüler helfen Jüngeren, aber Jüngere helfen auch den Älteren“:
Die Futurum-Schule erinnert kaum mehr an eine Schule, wie wir sie kennen. Man findet nur wenige Klassenräume, wie man sie für selbstverständlich hält. Ihr Zentrum ist eine Lernwerkstatt, ein Atelier, der Marktplatz dieses Lerndorfes. Alle Schülerinnen gehen in Absprache mit Lehrerinnen ihren Sachen nach. Auch Lernexerzitien gehören zur Schule, aber nicht den ganzen Tag. Unterricht ist nur noch ein Fall von Schule.
Markus Salmea, Schüler der 8. Klasse, zeigt sein Logbuch, in dem er seine Vorhaben notiert und in dem er sich dann selbst Rechenschaft gibt. Er meint: „Wir haben viel Freiheit“ und blättert im Logbuch zur Seite des aktuellen Tages: „Wenn ich heute Mathe machen will, dann kann ich das selbst in meinem Tagesplan festlegen. Jeden Tag setzt man sich eine halbe Stunde hin und notiert, was ansteht. Am Montagmorgen planen wir die Woche.“ Markus Logbuch ist sein individueller Lehrplan. Man würde kein identisches Exemplar finden. So geht die große pädagogische Maxime, dass Lernen nur freiwillig gelingt und dass es erst dadurch nachhaltig wird, bei den Schülerinnen in ihre Haltung ein. Dann erst ist eine pädagogische Idee verwirklicht.
Vom Großraum gehen in der Futurum-Schule unterschiedliche Räume ab. Fachräume, Labors, Unterrichtsräume und auch ein Lehrerinnenzimmer, das man besser Lehrerinnenbüro nennen sollte. In Schweden sind Lehrerinnen insgesamt 35 Stunden zu jeweils 60 Minuten in der Woche in der Schule. Nur ein Teil davon ist Unterricht. Jede/r Lehrerin hat hier einen eigenen Schreibtisch. Für die Lehrerin Agneta Petterson drückt sich in diesen Lehrerinnenbüros die neue Wirklichkeit aus. „Das Lehrerteam muss sich sehen und miteinander reden“, sagt sie, „das ist der Sinn unserer Art, Schule zu machen“:
Auch an den Lehrerinnen in Schweden zeigt sich, dass eine Schulreform erst dann Wirklichkeit geworden ist, wenn sich die Haltung der Lehrerinnen so verändert hat. Sind sie ein Team und in der Schule zu Hause, strahlt das auf die ganze Schule aus, in der es viele Entdeckungen zu machen gibt.
Die Schule ist dann ein Ort, nach dem sich SchülerInnen tatsächlich sehnen, wenn sie einmal krank sind!
Schwedische Schulen verwalten ihr Geld selbst, Lehrerinnen werden von den Schulen angestellt. Mit der Selbstständigkeit der Schule ist auch das Ansehen der Lehrerinnen gewachsen. Die Gesellschaft sieht in ihnen die „Lotsen für die Zukunft“. Am Ende der neunjährigen Gemeinschaftsschule machen alle Schülerinnen eine Prüfung. Nur wer sie besteht, gelangt nach der Vorschule und der Gemeinschaftsschule auf die dritte Stufe des schwedischen Systems, auf das Gymnasium. 90% des Jahrgangs gehen dort hin. Die Schülerinnen bereiten sich in akademischen Zügen auf die Universität vor oder wählen eines der Programme, das Berufsausbildung mit Allgemeinbildung kombiniert. Am Ende erwerben 75% des Jahrgangs die Studienberechtigung.
Berufsschülerinnen und traditionelle Gymnasiastinnen in einer Schule? Können da die Schwächeren mithalten? Kommen da die Besten auf ihre Kosten? Es geht! Und es geht gut!
In der Bildung sehen die Skandinavierinnen die Zukunft ihrer Gesellschaft. Deshalb setzen sie auf die Förderung aller und auf die Leistungssteigerung der Besten. Lust und Leistung sind für sie kein Widerspruch. Ihre wichtigste Überzeugung heißt:
Auf den Anfang kommt es an! Entscheidender als Organisation und Geld ist die skandinavische Inspiration, die sich mehr und mehr als Haltung durchsetzt: Kinder nicht beschämen, die Selbstständigkeit von Jugendlichen nicht unterschätzen und Lehrerinnen und Lehrer achten!
Reinhard Kahl ist Journalist, Autor, Regisseur und Produzent von Fernseh- und Videodokumentationen.
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