Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Die g’sunde Watschn aus PISA
Kassandra sinniert über Österreichs Absturz in der Hitparade
Was motiviert mich zum Schreiben dieser Zeilen? Es ist eine lange zurückliegende Erinnerung - die Erinnerung an jenen Tag, als unser zehnjähriger Sohn mittags weinend aus seiner Schule, einem Gymnasium, auf mich zukam. Ganz bestürzt fragte ich ihn: “Bist du verprügelt worden? Hat dich ein Lehrer zu streng angefasst? Hast du dich verletzt?” “Nein”, sagte er schluchzend, “es war so langweilig!” Da ich ihn ja einigermaßen kannte und wusste, dass er nur ganz selten weinte, da ich andererseits aber auch wusste, über wie viel Spieltrieb, Kreativität und Phantasie er verfügte, nahm ich seine Schmerzen ernst. Ich erinnerte mich an die fürchterliche Langeweile, die auch mich einst in vielen Unterrichtsstunden geplagt hatte. Selbst an der Uni, als ich doch Fächer studierte, die ich selbst gewählt hatte, gab es mehr als genug Vorlesungen und Seminare, die nichts als langweilig waren. Doch bis dahin hatte ich gelernt, die Ohren auf Durchzug zu stellen und Interesse zu mimen. Nur im Fach Pädagogik beim Ordinarius Brezinka gelang mir das nicht. Ich schlief ein, peinlicherweise saß ich in der ersten Bank. Mein Bruder, Universitätsprofessor wie ich, ärgert sich heute noch, Jahrzehnte später, über die sinnlose Folter, die für ihn der ganz normale Unterricht am Gymnasium in den meisten Fächern (nicht allen!) einst war.
Da ich immer wieder die Gelegenheit habe, Einblick in das gegenwärtige Geschehen an Gymnasien zu nehmen, muss ich leider die Befürchtung äußern, dass sich nur wenig zum Besseren gewendet hat. Das ist natürlich nicht mehr als eine Hypothese. Deren empirisch genaue Überprüfung durch eine systematische Untersuchung wäre wünschenswert, damit diese meine impressionistische Kritik auf solidem Grund stehen könnte. Denn die durch Unterricht generierte tödliche Langeweile ist, wenn nicht selbst eine Form von Gewalt gegen Kinder, zumindest eine Folge struktureller Gewalt gegen sie; noch dazu eine, die zu leicht bagatellisiert, übersehen oder als notwendige “Bildungserfahrung” in Kauf genommen wird.
Gewalt gegen Kinder hat, wie wir wissen, viele Gesichter. Die g’sunde Watschn, gegen die Hans Czermak so engagiert kämpfte, ist nur eines davon. Das offensichtlichste. Seinem beharrlichen Diffamieren von Züchtigung ist es zu verdanken, dass der §146 ABGB im März 1989 um den Halbsatz „Die Anwendung von Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig“ erweitert wurde. In dem berühmten Buch “Die gesunde Ohrfeige macht krank. Über die alltägliche Gewalt im Umgang mit Kindern” (Wien: ORAC Verlag 1980), das er gemeinsam mit Günter Pernhaupt verfasste, stellt er fest, dass nicht nur körperliche Züchtigung, sondern auch Strafen ohne physische Gewalt Kinder nachhaltig schädigen. Diesen wichtigen Hinweis auf das gefährliche Minenfeld subtilerer Gewaltformen hat er gemeinsam mit anderen Autorinnen und Autoren in dem Buch “Gewalt am Kind” (herausgegeben von Günter Pernhaupt, Wien: Jugend & Volk 1983) noch weiter differenziert. Er hat, indem er die zu seiner Zeit unbestrittenen Experten beim Wort nahm, ihre Äußerungen zum Umgang mit Kleinkindern kritisch analysiert - heute würde man sagen “dekonstruiert” - und dabei zu Tage gefördert, welch erstaunlich brutales Verständnis vom Eltern-Kind-Verhältnis sich in den Thesen von Kinderärzten, Verhaltensforschern, Sozialpädagogen fand. Auf seine heuristische Art entwickelte er ein Gewaltverständnis, das auch dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft durchaus entspricht. Gewalt ist im heutigen Verständnis der Wissenschaft die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge, und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen. Sie liegt immer dann vor, wenn als Folge der Ausübung von Macht oder Herrschaft oder von beidem oder als Folge von Macht- und Herrschaftsverhältnissen Menschen geschädigt werden.
Um meine Eingangsthese wieder aufzunehmen: Es gibt das allen bekannte Phänomen der durch schulische Belehrung produzierten Langeweile. Ich meine nicht jene kurzfristige Langeweile, die unvermeidlich auftritt, wenn man gelegentlich, aus welchem Grund auch immer, dem Unterricht nicht folgen kann. Ich meine vielmehr systematisch produzierte Langeweile, Langeweile als Folge weltfremder Inhalte, jenseitiger Belehrungsformen, inkompetenter Didaktik. Solche Langeweile ist eine Folge von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Die Struktur der Institution Schule stattet das Personal, also LehrerInnen und Lehrer, mit sehr viel Macht aus und schränkt die Macht der Kinder auf ein Minimum ein. Gute Schulen und gute LehrerInnen zeichnen sich dadurch aus, dass sie dieses unsymmetrische Verhältnis so weit wie möglich reduzieren. Mittelmäßige und schlechte Schulen und LehrerInnen nützen die Möglichkeiten der Machtausübung bis zur Neige aus, um die Schwächen im System und in den Lehrenden selbst (unzureichende pädagogische Ausbildung vor allem mancher GymnasiallehrerInnen, didaktische Inkompetenz, Unfähigkeit, mit Kindern partnerschaftlich umzugehen etc.) zu kaschieren. Kinder werden zu Objekten der Belehrung gemacht (das System macht’s möglich), wo sie doch dabei gefördert werden sollten, zu Subjekten des eigenständigen Lernens für das Leben, ihr Leben, zu wachsen. An solchen Schulen, in solchem Unterricht jedoch erfahren sie: “Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.” Schon in der Antike hatte Seneca den Schulbetrieb solcherart gegeißelt. Von ihm stammt jenes berühmte Zitat: Non vitae, sed scholae discimus. (“Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir”. Epistulae morales 14, 106, 12). Pädagogen haben den Sinn des Satzes umgedreht, indem sie die beiden Präpositionalobjekte vertauschten, um die Folter schulischer Langeweile zu rechtfertigen: “Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.” Beim Schwindeln ertappt!
Schulisch produzierte Langeweile, so mein Argument, ist also eine Folge von Gewalt gegen wehrlose Kinder. Denn hier wird die Macht der Institution und ihrer Träger dazu benützt, Kinder zum Opfer didaktischer Inkompetenz (= das Unvermögen, interessant zu unterrichten) zu machen.
Zum Glück gibt es jedoch, wenn ich Erfahrungsberichten von Bekannten aus Lehrer- und Elternkreisen, meinen persönlichen Eindrücken und Evaluationsstudien trauen darf, auch an Gymnasien, viele engagierte Lehrpersonen und DirektorInnen, denen es ein Anliegen ist, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder begreifen: Es geht mich an. Das hat für mich Bedeutung. Wenn ich das kann, wenn ich das weiß, dann komme ich einen Schritt weiter auf meinem Weg ins Erwachsenenleben, dann verstehe ich besser, in welcher Welt ich lebe.
Aber jetzt kommt PISA. Es findet mit dem Gestus strenger empirischer Wissenschaft heraus, dass die österreichischen Kinder Minderleister sind. Schlimmer noch, dass sie die letzten Trottel Europas sind. Die ganze Nation gerät in Panik. Unsere Kinder müssen mehr leisten! Mehr Sinn entnehmen! Schneller den Sinn entnehmen! Kostengünstiger den Sinn entnehmen! Kategorische Imperative sind das. Denn diese neutrale Institution, die den PISA-Test entwickelt und appliziert hat, hat es uns ja schwarz auf weiß gesagt: Unsere Kinder entnehmen zu wenig Sinn. Weniger, viel weniger als die Kinder in Japan und die Kinder in Estland, von Finnland gar nicht zu reden. The winner is: The one and only South Korea! Das ist angeblich schrecklich für die Kinder, die sich alle als Ich-Aktien präsentieren und auf dem Job-Markt durchsetzen sollen, und es ist schrecklich für den Wirtschaftsstandort Österreich, der Investoren anlocken soll, die hier produzieren. Auf dem Arbeitsmarkt werden diese Testversager Stigmatisierte sein: Abgestürzt im PISA-Test. Wer wird sie kaufen wollen? Man verzeihe mir die eklige Metaphorik, aber sie entspricht der Logik jener Wortführer im Lande, die unseren Absturz im Ranking der Millionenshow lauthals beklagen.
Die allgemeine Hysterie, die dem PISA-Schock folgte, hat nicht dazu geführt, dass man das Untersuchungsinstrument selbst, also den Test in Frage stellt, obwohl es haarsträubend ist zu glauben, es gäbe ein solches, das einigermaßen objektiv und verlässlich weltweit die Fähigkeit zur Sinnentnahme testen könne, egal in welcher Gesellschaft, in welcher Kultur, in welcher Sprache. Wer jemals selbst unterrichtet hat, kennt wahrscheinlich aus eigener Erfahrung die riesige Schwierigkeit, das Niveau zweier Parallelklassen, in denen man selbst unterrichtet, exakt miteinander zu vergleichen. Dabei steht man jeden Tag in diesen Klassen, kennt alle Kinder beim Namen, beobachtet sie seit langer Zeit genau und weiß, welche Noten sie in Schularbeiten schreiben. Aber der PISA-Test, der irgendwo im Labor von Experten entwickelt wurde, kann das angeblich punktgenau, obwohl diese Experten kein einziges der von ihnen zu testenden Kinder je gesehen haben. Und er kann das nicht nur in einer Klasse an einer Schule in einem Land, sondern er kann die Menge des von einer Klasse in Österreich entnommenen Sinnes mit jener genau vergleichen, die eine Klasse in Mexico oder Singapur oder Neuseeland herausfiltert. Unglaublich. Unglaublich, dass es Menschen gibt, die das ernst nehmen...
Aber deren gibt es allzu viele. So sehr ich mir wünsche, dass gründliche Evaluation die Qualität von Bildungssystemen vergleicht (aber das sind sehr zeitaufwändige Studien, die erforderlich machen, dass die EvaluatorInnen tagelang in den zu evaluierenden Klassen den Unterricht beobachten und dann mit den Kindern, mit ihren LehrerInnen und Eltern ausführliche Gespräche führen), so wenig kann ich verstehen, dass kurzfristige Kompetenz-Stichproben in Form von Multiple Choice-Tests à la Millionenshow überhaupt ernst genommen und nicht bloß als Markterschließung der Testindustrie verstanden werden. Diese meine Einschätzung bleibt ungehört, ist ein Minoritätenstandpunkt, übertönt vom Katastrophengeschrei der Medien und vieler Politiker.
Die PISA-Hysterie wird dazu führen, dass unser Bildungssystem reformiert wird: effizienter soll es werden, rascher soll es junge Menschen für die Anforderungen des Wirtschaftssystems qualifizieren. Und vor allem soll es dazu beitragen, dass Österreichs SchülerInnen und Schüler in Zukunft beim PISA-Test besser abschneiden. Dann ist Österreich als Wirtschaftsstandort attraktiver. So schaut’s aus. Das wird nachhaltige Folgen für den Lehrplan haben. Dieser Lehrplan wird sich, damit das Ziel erreicht wird, die Schüler besser auf den Multiple-Choice-Test vorzubereiten und Österreich als Wirtschaftsstandort attraktiver zu machen, an der Struktur der PISA-Studie orientieren. Das PISA-Konzept wird Österreichs heimlicher Lehrplan der Zukunft, wie er das in anderen Staaten bereits jetzt ist. Das ist, so steht zu befürchten, der endgültige Abschied von Bildungsvorstellungen Humboldts und der Aufklärung zugunsten von Wissensvermittlung via Multiple Choice. Für einen Pessimisten wie mich ist es die distanzlose und bedingungslose Umarmung des Turbokapitalismus.
Es wird bei diesem turbokapitalistischen Bildungskonzept wieder unbrauchbare Menschen geben, die den Leistungsträgern nur im Weg stehen. In einem benachbarten Staat, der im PISA-Test deutlich besser abgeschnitten hat als Österreich, hat sich, wie mir vor Kurzem eine direkt beteiligte Lehrerin berichtete, Folgendes zugetragen: Am Tag vor dem PISA-Test kam die dringende Empfehlung, die Schwachen und die Migrantenkinder für den nächsten Tag freizustellen. Sie sollten es sich zu Hause gemütlich machen. Im Moment ist das bloß ein übler Trick zur Schönung der Statistik. Auf längere Sicht ist das Sozialdarwinismus.
Vor der Auslieferung an die totale Testvorbereitungsanstalt Schule wird uns die Neue Mittelschule nicht schützen. Zwar ist es höchste Zeit, das Aussortieren von Zehnjährigen nach dem Motto “Die Guten ins Töpfchen (= Gymnasium), die Schlechten ins Kröpfchen (= Hauptschule)” schleunigst zu beenden, den haarsträubenden Anachronismus eines zweigeteilten Bildungssystems von Gymnasium und Hauptschule endlich abzuschaffen und Kinder gemeinsam zu erziehen. Doch die inhaltliche Struktur der Schule, die Orientierung am Testkonzept statt am forschenden und entdeckenden Lernen, das junge Menschen autonom und mündig macht, wird Konsequenzen haben, die wenig erfreulich sind. Da Schule nur mehr Trainingsgelände für Leistungsträger des Systems sein wird, wird noch mehr Langeweile Platz greifen. Niemand kann mehr erkennen “Mea res agitur” - frei übersetzt: “Hier geht es um mich und um meine Probleme und um meine Zukunft”.
Die Kassandra in mir sagt: Nur Gewalt, nicht physische, sondern strukturelle Gewalt, wird imstande sein, das Trainingsprogramm der neuen Zuchtanstalten für Leistungsträger durchzusetzen. Die Folge dieser Gewalt wird noch mehr Langeweile sein. Der unverbesserliche Ikarus, der ich immer noch bin, glaubt aber daran, dass die totale Unterwerfung des Menschen unter die Anforderungen des Systems zum Scheitern verurteilt ist und dass die strukturelle Gewalt implodiert, wenn sich die Menschen zunehmend diesem System entziehen.
Um es realistischer zu formulieren: Der Kinderschutzverein hätte sich einzumischen und seine Stimme zu erheben, wenn es darum geht, die innere Struktur der Schule zu reformieren (wobei ich voraussetze, dass die sinnlose Trennung der zehnjährigen Kinder in Gymnasiasten und Hauptschüler endlich auch im Bildungswesen unserer Republik abgeschafft sein wird). Er müsste gegen jene Gewalt ankämpfen, die fremdbestimmtes Kompetenztraining (die Umwandlung von Kindern in Minicomputer) zum obersten Ziel von Schule machen will und statt dessen für jene Bildung streiten, die Menschen Autonomie, Solidarität und eine gründliche Fähigkeit zum Entdecken der Welt vermittelt. Subjekte sollen sie werden, nicht Objekte eines Systems. Am Ende meiner Karriere als Erziehungswissenschaftler, der Schulen in allen Teilen der Welt gründlich von innen kennen gelernt hat, der immer noch von Zeit zu Zeit an Schulen (vor allem Gymnasien) selbst als Gastlehrer unterrichtet, habe ich den Optimismus nicht verloren, dass Individuum und Gesellschaft auch in den Zeiten der Globalisierung glücklicher sind, wenn sie sich der strukturellen Gewalt des Turbokapitalismus entziehen. Die eingangs beschriebene tödliche Langeweile an einer troglodytischen Schule ist eine im Aussterben begriffene Gewaltfolge. Der neuen, stromlinienförmigen Gewalt cleverer Trainingsprogramme zur Umwandlung von Kindern in Ich-Aktien gilt es zu wehren. Den Geist des Hans Czermak in die Schulreformdebatte tragen, darum müsste es gehen.
Dietmar Larcher
Univ. Prof. Dr. Dietmar Larcher war Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Klagenfurt und lehrt und forscht heute an der Universität Bozen. Er war Gastprofessor in Teheran, Hangzhou, Trient und an anderen Universitäten.
Obere Augartenstraße 26–28, 1020 Wien, Österreich
Telefon: +43 (0)699 - 8151 38 11 :: E-Mail :: Impressum