Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Halt den Mund, wenn Erwachsene reden, und tu gefälligst, was sie sagen
Gedanken zu den aufgedeckten Missbrauchsfällen vergangener Jahre
Christian Vielhaber
Die Dramen, die mit aufgedeckten Gewaltakten an Kindern und Jugendlichen einhergehen, wurden dieses Jahr medial in vielfältiger Weise inszeniert. TV, Radio, Presse, das weltweite Netz - sie alle beteiligten sich engagiert und intensiv an einer Kampagne, die vorgab – manchmal fast ein wenig zu genüsslich - erwachsen gewordenen Opfern von Gewalt eine Bühne oder zumindest eine Stimme zu verleihen.
Die Inszenierung selbst war getragen von einer Welle der nationalen und internationalen Entrüstung, nicht zuletzt auch deshalb, weil kirchliche Kreise involviert waren. Man stelle sich vor: ausgerechnet kirchliche Würdenträger, die ihr ganzes Dasein, ihre grundlegende Legitimation auf die christliche Botschaft der Gewaltlosigkeit zurückführen, stehen da im medialen Rampenlicht, angepatzt und diskreditiert und mit ihnen eine ganze Institution. Die Reaktionen der Menschen angesichts des sich immer stärker ausweitenden Ausmaßes enthüllter und eingestandener Gewalt- und Missbrauchsakte erstreckten sich von folgenlosen - dafür umso widerlichen - Stammtisch Rülpsern bis zur erklärten Abkehr von einer Gemeinschaft, der man sich bisher zugehörig fühlte nach einer Phase reflektierter Auseinandersetzung.
War es das? Ebbt Entrüstung und Fassungslosigkeit jetzt wieder ab, um das nächste Mal - quasi ritualisiert – in noch größerer Intensität erneut zutage zu treten? Und ein nächste Mal wird es geben, das wissen eigentlich alle, die sich jemals mit dem Thema befasst haben – nur, keiner spricht es aus. Warum wagt niemand zu sagen, dass es nur die Spitze des Eisberges war, die zum Vorschein gekommen ist? Warum wird nicht klar gelegt, dass es keineswegs nur ein Problem der katholischen Kirche ist? Ganz ehrlich, ich weiß es nicht. Ich weiß aber ganz gewiss, dass Gewaltakte gegenüber Kinder und Jugendliche überall dort aufgetreten sind, heute noch auftreten und auch morgen noch auftreten werden, wo die Asymmetrie der Macht zwischen den beteiligten Personen zur institutionalisierten Funktion des Miteinanders oder besser gesagt des Gegeneinanders geworden ist.
Da gibt es viele Institutionen, die in Frage kommen, und wir kennen sie – da gibt es viele soziale Gruppen, die betroffen sind und wir lebten und leben mit und neben ihnen, da gibt es jede Menge Einrichtungen, die bezüglich Gewalt an Kindern keine makellose Vergangenheit haben und wir haben bisher an sie bzw. ihre Repräsentant/-innen nicht die richtigen Fragen gestellt. Sie alle sind für diesmal noch davon gekommen, weil die Opfer es noch immer nicht wagen, mit ihren traumatischen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu treten. Seien wir aber vorbereitet, dass wir möglicherweise schon bald mit einer nächsten Welle schrecklicher Tatsachen überspült werden. Dann wäre es vielleicht einmal angebracht, nicht wieder Fassungslosigkeit zu mimen, sondern vielmehr gefasst die richtigen Schritte zu setzen.
Ein richtiger Schritt wäre es, den Opfern generell Mut zu machen, ihnen den Rücken zu stärken, ihnen zu versichern, dass ihre Geschichten, wenn sie stark genug sind, diese zu erzählen, nicht begleitet von Drohgebärden weggewischt werden, ihnen die Überzeugung zu geben, dass es nicht ihre Schuld (gewesen) ist, Gewaltopfer geworden zu sein. Ein zweiter Schritt wäre es, überall dort genau hinzusehen, wo Autoritäten auftreten, die bedingungslosen Gehorsam, absolute Unterwerfung oder auch nur den ritualisierten Nachvollzug von Handlungen einfordern. Gehorsam gegenüber wem? Unterwerfung, unter wen? Nachvollzug, wovon? Das sind die Fragen, die immer wieder zu stellen sind.
Kinder und Jugendliche müssen sich über Begegnungen und Kontakte, denen sie ausgesetzt sind, mit Personen austauschen können, die ihr absolutes Vertrauen genießen, über jeden Verdacht erhaben sind und Bereitschaft zeigen, für junge Menschen einzustehen. Solche Personen haben eine unerhört wichtige Funktion im Leben eines Kindes, denn es obliegt ihnen, Fragwürdiges, das von Kindern angesprochen wird, ernst zu nehmen, mit ihnen darüber in Augenhöhe zu kommunizieren und ihnen die Sicherheit zu vermitteln, dass sie nicht alleine gelassen werden. So manche Erwachsene sind nicht bereit, sich wegen Kindern in eine Auseinandersetzung einzulassen, deren Ausgang nicht mit Sicherheit absehbar ist.
Verdachtsmomente beiseite zu schieben, weil sie möglicherweise mit unangenehmen Konfrontationen verbunden sind, war schon in vielen Fällen eine zentrale Ursache erlittenen Leids, das verhindert hätte werden können. Über Indizien hinwegzugehen, die Anlass geben, Gewaltakte gegen Kinder als reale Möglichkeit ins Auge zu fassen, ist eine Sache. Kinder aber, die es schaffen, sich diesbezüglich Erwachsenen mitzuteilen, noch zusätzlich unter Druck zu setzen: „Ist dir schon klar, was du mit einer solchen Anschuldigung anrichtest?“, ist eine geradezu unerträgliche Fortführung des Gewaltaktes. Wenn ein Kind nach einem einmal geäußerten Hilferuf von einer Bezugsperson sozusagen im Regen stehen gelassen wird, ist das als unglaublicher, eigentlich nicht mehr gut zu machender Vertrauensbruch zu werten, der Konsequenzen für die Beziehung hat. Diese liegen sehr häufig in einer kommunikativen Verweigerung, weil sich ja das Kind auf Grund seiner negativen Erfahrung ohnedies keine Unterstützung mehr erwartet und sich deshalb - Schutz suchend - nach innen kehrt, mit all den damit verbundenen Auffälligkeiten des Verhaltens. Rückzug, Trotz, Widerstand, Verweigerung.
Zu glauben, dass diese Reaktionen bei Kindern und Jugendlichen nur im Falle traumatischer Gewalterfahrungen auftreten, wäre ein fatales Missverständnis. Es sind sehr oft ganz normale Alltagssituationen, in der ein Kind seine Unterlegenheit spürt, weil die Frage von Recht und Unrecht gar nicht gestellt wird. Die Entscheidungen werden vielmehr durch die Funktion von Macht und Ohnmacht herbeigeführt und damit bleiben Kinder und Jugendliche zumeist auf der Strecke.
Erwachsene sehen eine Konfliktsituation, die ein Kind massiv berührt, allzu häufig als problem- und belanglos, und sie reagieren entsprechend distanziert: „Ach was, reg dich nicht auf – ist doch nur eine Kleinigkeit. Deswegen werden wir doch keinen Wind machen. Schau lieber, dass du unauffällig bleibst, dann passiert schon nichts“. Für betroffene Kinder und Jugendliche, die sich Unterstützung erwarten, ist eine solche Haltung ein glatter Affront mit der klaren Botschaft: „Lass mich mit deinen Problemen in Ruhe, ich habe Wichtigeres zu tun“.
Mit dieser Verweigerung handeln sich aber Erwachsene ein veritables Problem ein, denn der wichtigste aller Schritte wäre es, die Ich-Stärke von Kindern und Jugendlichen von Anbeginn an so zu entwickeln und zu unterstützen, dass genügend Widerstandskraft verfügbar ist, einer gegen sie ausgeübten Gewalt aktiv entgegen treten zu können. „Mach den Mund nur auf, wenn du gefragt wirst“ ist zur Erreichung dieses Ziels ebenso kontraproduktiv wie das oftmals gehörte „Rede nicht, wenn sich Erwachsene unterhalten“ oder der nicht minder verletzende Satz: „Frag nicht, sondern tu, was dir angeschafft wird“.
Wir haben heute Legionen von Erwachsenen, die diese Ich-Stärke nie entwickeln konnten und sich eben irgendwie über die Runden ihres jungen Lebens gerettet haben. Sie leiden teilweise heute noch darunter, es nicht geschafft zu haben, sich den Unterwerfungsakten zu widersetzen. Es hängt immer auch vom Maß des erfahrenen Leids ab, ob es im späteren Leben möglich ist, Verdrängungsmechanismen so wirksam werden zu lassen, dass die Schatten der Vergangenheit nicht zu destruktiv Einfluss auf die Gegenwart nehmen. Wir haben in den letzten Monaten aus den Medien erfahren, dass es viele Menschen nicht geschafft haben, diese Schatten los zu werden.
Darüber zu reden, wäre wohl eine gute Option der Bewältigung gewesen. Viele Opfer blieben aber über Jahrzehnte sprachlos, weil sie sich alleine und nicht stark genug wähnten, um ihre Stimme gegen jene zu erheben, die ihnen Gewalt – in welcher Form auch immer – angetan haben. Jetzt besteht für einige die Möglichkeit der Aufarbeitung – die von der katholischen Kirche eingerichtete Opferkommission schafft die entsprechenden Voraussetzungen – viele andere werden weiterhin stumm bleiben und viele, die Gewalt an anderen wahrgenommen, aber nichts dagegen getan haben, werden auch künftig geflissentlich dieses Thema vermeiden.
Das Problem nicht bewältigter Gewalterfahrungen geht, wie bereits angesprochen, weit über das kirchliche Milieu hinaus und wird uns als Gesellschaft so lange beschäftigen, solange im Rahmen sozialer Beziehungen Angst im Spiel ist – vor allem die Angst allein gestellt einer personifizierten Übermacht gegenüber zu stehen. Doch gerade diese Angst der einen, ist die Macht der anderen, und daher geht es darum, Wege zu finden, aus diesem Dilemma heraus zu kommen. Einer der effektivsten Wege ist jener einer gewaltfreien Begleitung junger Menschen in ihrer Kindheit und Jugend, um ihre Persönlichkeit so zu stärken, dass sie in der Lage sind, jede Form von Gewalt ihnen gegenüber eindeutig und selbstbewusst abzuwehren.
Die eigene Erinnerung als Grundlage einer positiven, gewaltfreien Beziehungsent-wicklung bedingt allerdings die kritische Auseinandersetzung mit jenen Positionen, die einseitig auf Stärke und Überlegenheit der Erwachsenen aufbauen und damit klare Verhältnisse schaffen, was die Zuordnung von Macht und Ohnmacht betrifft.
Der bewusste Verzicht der Dominanz in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern schafft die besten Voraussetzungen zur Einlösung jenes Kinderrechtes, das in der UN-Kinderrechts-Konvention an vorderster Stelle genannt wird: das Recht jeden Kindes, umgeben von Liebe, Geborgenheit und Verständnis aufzuwachsen. Wird dieses Recht auch wirklicht gelebt, ist das gleich bedeutend mit der sicheren Bindung des Kindes an die wichtigsten Bezugspersonen in den ersten Lebensjahren und der damit verbundenen hohen Wahrscheinlichkeit, ein Maß an psychischer Sicherheit und Stabilität zu entwickeln, das für ein gesundes Selbstwertgefühl und das Erkennen von Lebenschancen unerlässlich ist.
Doch wie kann man sich sicher sein, dass der Weg der eingeschlagen wurde, jener der positiven Bindung und der Gewaltfreiheit ist? Diese Sicherheit kann kein Produkt der Selbsteinschätzung sein, sondern spiegelt sich immer an den Reaktionen des Anderen. Ein sicher gebundenes Kind, das mit der Überzeugung aufwächst „Ich werde geliebt, wie ich bin“, das in jeder Minute seines jungen Lebens die gewaltfreie Geborgenheit fühlt, in die es eingebettet ist, gerät nur selten unter extremen Stress, reagiert meist positiv auf Interventionen und signalisiert seine Befindlichkeit, indem es zeigt, was es fühlt. Sind Bindungen allerdings von Abwehr, Kälte, Unsicherheit oder gar Ablehnung gekennzeichnet, wagen es Kinder mit solchen Erfahrungen nicht, ihre Ängste zu offenbaren und verweigern damit ihren primären Bindungspartnern gegenüber die Offenlegung ihrer Gefühle. Mit den Jahren werden die kommunizierten Signale deutlicher, verständlicher, im Positiven wie im Negativen. Wenn ein Kind völlig ohne Not und ohne Erwartung einer besonderen Belohnung die Feststellung trifft: „Wenn ich groß bin, will ich werden wie du“, dann ist die endgültige Sicherheit gewonnen, dass die Begleitung des Kindes durch die frühkindliche Phase hindurch eine gelungene war (vgl. Vielhaber 2010, S.92f).
Eine weitere Möglichkeit, Bescheid über das persönliche Beziehungsverhalten zu bekommen, ist die Überprüfung der eigenen Reaktion auf Stereotype, die bereits über Jahrzehnte die Kommunikation über Erziehungsfragen begleiten. Das wohl gängigste Stereotyp ist jenes von der Ohrfeige, vom Klaps, von der Tachtel, um die Kinder gebettelt und die noch niemandem geschadet hätten. Dabei wird der Schaden schon dadurch offenbar, dass eine gesetzlich verpönte Gewaltanwendung gut geheißen und damit fortgeschrieben wird. Ganz abgesehen davon, dass wohl kein Kind je um eine Ohrfeige gebettelt hat, es sei denn, als Reaktion auf eine bereits erfolgte dramatische Störung des Beziehungsverhältnisses (Vielhaber 2010, S. 93).
Liebe und Zuneigung hingegen haben noch niemandem geschadet und zwar dann, wenn sie im Sinne einer Kraft wirksam werden, die ein Urvertrauen stützt und damit einem Kind die Sicherheit gibt, niemals allein und im Stich gelassen zu werden. Um das auch wirklich umzusetzen, müssen bestimmte Floskeln aus dem Sprachrepertoire gestrichen werden. Allen voran: Halt den Mund, wenn Erwachsene reden, und tu gefälligst, was sie sagen!
Literatur:
Vielhaber, Ch. (2010): Stillen und Gewaltlosigkeit. In: Groiß, F., Streiter, B., Vielhaber, Ch. und Weber, H. P. (2010): Maria Lactans. Die Stillende in Kunst und Alltag. Wien: Wiener Domverlag, S. 85 – 105.
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