Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Kinder reden mit: Familienalltag aus Kinder- und Elternsicht
Andrea Marhali, Johannes Starkbaum, Ulrike Zartler
Die Gestaltung und die Bedingungen des Aufwachsens von Kindern in ihren Familien sind in hohem Ausmaß von gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst. Beispielhaft erwähnt seien die unterschiedlichen Arbeits- und Familienformen, die zunehmende Mobilität und kulturelle Vielfalt, die Aufwertung formaler Bildungsabschlüsse, die Veränderung soziodemografischer Gegebenheiten, die Spezialisierung kindlicher Lebensräume, aber auch Tendenzen der Technisierung, Mediatisierung und Kommerzialisierung. Diese weitläufigen Veränderungen prägen die Gestaltung des kindlichen Lebensraums Familie in spezifischer Weise und bringen eine Vielzahl an Herausforderungen nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder mit sich.
Kinder werden heute zunehmend als eigenständige Individuen anerkannt; sie werden vielfach als ExpertInnen ihrer Lebenswelt gesehen, die ihr eigenes Leben und ihre Umwelt aktiv mitgestalten und Einflüssen von außen nicht passiv ausgesetzt sind. Auch im rechtlichen Bereich sind Veränderungen der Sicht auf Kinder unübersehbar. Seit den 1990er Jahren haben Kinder eine deutliche Aufwertung als Rechtssubjekte erfahren. So bezieht sich etwa die UN-Kinderrechtskonvention, die Kindern und Jugendlichen Schutz und Unterstützung bietet, auf drei Bereiche: die Versorgung, den Schutz und die Beteiligung von Kindern. Beteiligung hat sich historisch als letzter Bereich entwickelt und enthält unter anderem das Recht auf Partizipation, d.h. die Berücksichtigung der Meinung von Kindern und Jugendlichen (entsprechend ihres Alters und Reifegrads), das Recht auf Informations- und Meinungsfreiheit, das Recht auf Privatsphäre, sowie das Recht auf Gedanken,- Gewissens- und Religionsfreiheit.
Ziel der Kinderrechtskonvention ist es dabei nicht, die Rolle der Eltern einzuschränken, sondern ihre besondere Stellung herauszustreichen, die sich durch ihre hauptsächliche Verantwortung für die Erziehung der Kinder ergibt. Dabei ist es besonders wichtig, dass Eltern die Meinung der Kinder ernst nehmen und bei Entscheidungen mit einbeziehen. Denn die Familie ist die erste Sozialisationsinstanz und der zentrale Lebensraum von Kindern, wobei die familiale Erziehung großen Einfluss auf die allgemeine Partizipationsbereitschaft und -fähigkeit von Kindern und Jugendlichen hat. Das Ausmaß der Mitgestaltungsmöglichkeiten, welches Kindern im Familienleben eingeräumt wird, sowie die Anerkennung als gleichberechtigte und gleichwertige Familienmitglieder, sind wichtige Faktoren für ihr Wohlergehen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten.
Fasst man die skizzierten Entwicklungen zusammen, stellt sich die Frage, wie Kinder und ihre Eltern ihre Familie wahrnehmen und bewerten, mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert sind und welche Kompetenzen, Ressourcen und Handlungsspielräume ihnen zur Verfügung stehen. Um Wissen darüber zur Verfügung zu stellen, wurde die Studie „Familien in Nahaufnahme“ durchgeführt, bei der 10-jährige Kinder und ihre Eltern im städtischen und ländlichen Raum zu den folgenden Themenbereichen befragt wurden: (1) Bedeutung und Dynamik von Familienformen, (2) Gestaltung der Familienzeit und (3) Kindliche Partizipation an familialen Entscheidungen. Die Befragung erfolgte mittels qualitativer Leitfadeninterviews (50 Kinder, 71 Eltern) und fand in Wien und im Südburgenland statt.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich die befragten Kinder häufig als aktive EntscheidungsträgerInnen in familialen Entscheidungsprozessen präsentieren. Bei längerem Erzählen bzw. Nachfragen durch die InterviewerInnen werden diese Darstellungen zum Teil abgeschwächt oder revidiert. Die Kinder haben vielfach allgemeines Wissen über Kinderrechte (z.B. aus dem schulischen Kontext) sowie ein Bewusstsein für Selbstbestimmungs- bzw. Mitspracherechte an Familienentscheidungen – ganz besonders in Lebensbereichen, welche sie direkt betreffen (z.B. Gestaltung der eigenen Freizeit, persönliche Kaufentscheidungen). Auch von Elternseite werden Kinderrechte im Kontext kindlicher Partizipation in der Familie als wichtig und relevant thematisiert.
Werden Entscheidungen in der Familie gemeinsam getroffen, so wird der Prozess der Entscheidungsfindung von den Kindern häufig als Ritual beschrieben. Die Familien der befragten Kinder nützen demnach bestehende familiale (Zeit-)Strukturen wie gemeinsame Familienmahlzeiten, regelmäßige Familienbesprechungen oder ähnliches, um Entscheidungen, die alle Familienmitglieder betreffen, zu beschließen. Die befragten Kinder empfinden diese Entscheidungs- oder Aushandlungsprozesse als gleichberechtigte bzw. demokratische Partizipationsmöglichkeit ihrerseits. Bei diesen Ritualen können jedoch auch Hierarchien verfestigt werden, wenn beispielsweise den Stimmen der Kinder weniger Bedeutung zugeschrieben wird als jenen der Elternteile.
„Also, das wird immer so gemacht, ich hab eine halbe Stimme, meine Mutter hat eine ganze und mein Stiefvater hat eine ganze. Außer zu meinem Geburtstag, da habe ich zwei Stimmen." (Bub, Wien)
Hinsichtlich der Aufteilung der Entscheidungsmacht zwischen den Eltern zeigen sich Unterschiede zwischen dem städtischen und dem ländlichen Untersuchungsgebiet. Wird bei familialen Entscheidungen keine Einigung erzielt, so werden von den Kindern im städtischen Erhebungsgebiet beide Elternteile als Entscheidungsinstanz genannt. Im ländlichen Untersuchungsgebiet hingegen werden von den befragten Kindern oftmals die Väter als letzte Instanz bei familialen Entscheidungen und in Konfliktsituationen genannt. Diese werden von den Kindern als strenger bzw. autoritärer als die Mütter beschrieben.
Werden die befragten Kinder (in beiden Untersuchungsgebieten) von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, bei denen sie sich selbst ein Mitsprache- bzw. Mitbestimmungsrecht zuschreiben, so reagieren sie mit Kommunikationsverweigerung und räumlichem Rückzug oder weigern sich, so getroffene Entscheidungen mit zu tragen (z.B. indem sie sich nicht an von den Eltern beschlossenen Freizeitaktivitäten beteiligen). Diese Reaktionen werden emotional und gefühlsbetont beschrieben. Die Gestaltung familialer Aushandlungs- und Entscheidungsfindungsprozesse ist zum Teil davon abhängig, ob Eltern eher permissive oder eher restriktive Haltungen hinsichtlich kindlicher Partizipation einnehmen: permissive Eltern gestehen ihren Kindern meist ein umfassendes Mitspracherecht in Familienentscheidungen zu, restriktive Eltern beschränken die Mitbestimmung ihrer Kinder auf bestimmte Bereiche.
„Also was sie machen möchte, darf sie machen. Ja, da hüpfe ich mit als brave Mama.
Und sie sagt, sie gibt das sehr strikt vor, also ich will das, ich will das, ich will das, ich
will das und es wird gemacht.“ (Mutter, permissiver Elterntyp)
"Ich halte sehr viel davon, Kinder in einen gewissen Prozess mit einzubinden, aber um
die Meinungen anzuhören. Weil ein Erwachsener hat immerhin mehr Erlebnisse,
Erfahrungen und Übersicht, wie sich das schlussendlich auswirkt. Also, die Kinder haben
bei Entscheidungen eine beratende Funktion.“ (Mutter, restriktiver Elterntyp)
Bei der Gestaltung der eigenen Freizeit können Kinder in vielen Fällen selbst entscheiden bzw. mitentscheiden. Fühlen sich die befragten Kinder jedoch bewusst in der Gestaltung ihrer Freizeit eingeschränkt und von den Wünschen und Ansprüchen ihrer Eltern überfordert, entwickeln sie Strategien, um die Eltern davon zu überzeugen, ungewollte Aktivitäten abbrechen zu können (z.B. Verweigerung der Teilnahme, verbale Unmutsäußerungen).
Zeitkoordination nimmt auch im Kinderleben eine immer wichtigere Rolle ein, auch in der vorliegenden Studie gibt es die sogenannten „Terminkalender-Kids“. Es scheint nicht außergewöhnlich, mehrere Tage die Woche verplant zu sein und dadurch auch weniger Zeit für andere Dinge zu haben, vorausgesetzt die Familien können die damit verbundenen finanziellen und organisatorischen Anforderungen erfüllen.
"Ja, fast jeden Tag habe ich Fußballtraining, fast jeden Tag." (Bub, Wien).
Unabhängig davon, ob institutionalisierte Freizeitaktivitäten (wie beispielsweise Sportkurse) aus eigenem Interesse oder auf Druck der Eltern besucht werden: in einigen Fällen klagen die Kinder auch über das hohe Maß an verplanter Zeit. Speziell dann, wenn die Termine mehrmals die Woche und auch am Wochenende platziert sind, können Interessenskonflikte entstehen. Die befragten Kinder haben unterschiedliche Strategien entwickelt, mit dieser Situation umzugehen. Entweder werden Kurse gekürzt oder gestrichen oder es wird an anderer Stelle Zeit „eingespart“ (z.B. durch die Einschränkung anderer privater Interessen). Die Teilnahme an Kursen sowie die Mitgliedschaft in Vereinen muss jedoch nicht zwangsweise dazu führen, dass Kinder keine Zeit mehr für sich selbst haben. Es ist vielmehr die Kombination mit anderen Taktgebern (wie Schulzeiten oder Nachmittagsbetreuung), die ein Zeitproblem entstehen lassen kann - speziell dann, wenn Schulaufgaben die Leerzeiten zwischen Schul- und Freizeitterminen füllen. Können diese Herausforderungen jedoch arrangiert werden, so werden institutionalisierte Freizeitbeschäftigungen von den befragten Kindern als Bereicherung wahrgenommen. Sie geben ihnen die Möglichkeit, sich sportlich oder kreativ zu betätigen, eigene Fähigkeiten zu fördern und andere Menschen zu treffen. Darüber hinaus wird eine gewisse Regelmäßigkeit bezüglich der Zeitgestaltung von den befragten Kindern weitgehend positiv eingeschätzt, sowie Rituale und wiederkehrende Abläufe aktiv eingefordert.
Einer der dringlichsten Wünsche vieler Kinder im Familienbereich ist der Wunsch nach mehr Zeit der Eltern. Aufgrund umfassender Anforderungen aus der Erwerbswelt erscheint es jedoch zunehmend schwierig, gemeinsame Zeit in Familien herzustellen bzw. ausreichend Zeit für gemeinsame Gespräche und Aktivitäten zu finden. Die Ursachen für diese Entwicklung sind die Intensivierung von Erwerbsarbeitsanforderungen für beide Elternteile, zunehmende Entgrenzungsprozesse zwischen Erwerbs- und Familienleben sowie die zuvor erwähnte Verplanung kindlicher Freizeit. Dies kann dazu führen, dass Familienleben mitunter in den Zeitlücken der Erwerbsarbeit stattfinden muss. Unberechenbare und flexible Arbeitszeiten werden von den befragten Kindern vorrangig negativ bewertet. Dadurch verlieren sie gemeinsame Familien-Freizeiten, und regelmäßige Abläufe können schwieriger eingehalten werden. Werden flexible Arbeitszeiten jedoch zum Vorteil der Familie genutzt, wird dies von ihnen positiv wahrgenommen. Nimmt die elterliche Erwerbsarbeit überhand bzw. wird auch außerhalb der regulären Erwerbszeiten gearbeitet, thematisieren die befragten Kinder ihre Unzufriedenheit damit. Neue Medien wie Computer oder Mobiltelefone spielen dabei eine nicht unerhebliche Rolle.
Auf den ersten Blick erscheinen die befragten Kinder zum Großteil mit dem Zeitausmaß, welches ihre Eltern für sie erübrigen können, zufrieden. Selbst in Familien, in denen Elternteile überdurchschnittlich viel arbeiten, wird die berufsbedingte Abwesenheit oftmals akzeptiert oder sogar verteidigt. Die Kinder bringen weitgehend Verständnis für die Lage der Eltern auf und erklären dies mit der Notwendigkeit, für die Familie zu sorgen.
"Und der Papa, ich verstehe, dass er arbeiten muss, irgendwo muss das Geld ja her, und darum macht es mir auch nichts aus." (Mädchen, Burgenland).
Bei genauerem Nachfragen revidieren einige Kinder hingegen ihre Aussagen, oder verlieren sich in widersprüchlichen Konstruktionen. Stottern, gegensätzliche Darstellungen oder Meinungswechsel legen die Vermutung nahe, dass speziell in diesem persönlichen, emotionalen Bereich soziale Erwünschtheit im Antwortverhalten eine wichtige Rolle spielt. Ferner stellen Kinder ihre Familien allgemein betont positiv dar und sprechen Bereiche, mit denen sie weniger zufrieden sind, nur am Rande an bzw. relativieren diese. Einige der befragten Kinder schätzen jedoch das gemeinsame Zeitausmaß auch offen als problematisch ein. Diese Kinder sind tendenziell mit der Zeit, welche ihre Väter unter der Woche für sie haben, unzufriedener, als mit den mütterlichen Zeitkontingenten. Ausnahmen treten vorrangig dann ein, wenn besondere Umstände (wie chronische Krankheit oder atypische Arbeitsverhältnisse) die Zeitkontingente der Mütter beeinflussen. Im Gegensatz zu der Zeit mit ihren Eltern wird das Ausmaß der gemeinsam verbrachten Zeit mit FreundInnen durchwegs als hoch eingeschätzt, was von den Kindern auch als Ausgleich für elterliche Absenz empfunden wird. Die befragten Kinder begrüßen die Berechenbarkeit der gemeinsamen Zeitkontingente mit ihren FreundInnen, was auch auf die vergleichbaren Tagesabläufe zurückzuführen ist. An dieser Stelle zeigt sich, wie wichtig ähnliche Zeitstrukturen für einen zufriedenstellenden gemeinsamen Alltag sind.
"Mein Papa hat schon Zeit für mich, aber nicht oft, manchmal und manchmal nicht. Und die Mama hat auch manchmal und manchmal nicht. Aber man kann sagen, meine Freundinnen haben am meisten Zeit für mich." (Mädchen, Burgenland).
Elterliche Abwesenheit zeigt sich symptomatisch in der ländlichen Region in Familien mit Pendlersituation. Besonders wenn Väter mehrmals während der Woche an ihrem Arbeitsort übernachten, können die Kinder nur an den Wochenenden Zeit mit ihnen verbringen. Jedoch selbst an Tagen, an denen Väter während der Woche nach Hause kommen, bleibt durch die langen Arbeitswege und den damit verbundenen Zeitaufwand am Abend oftmals kaum noch gemeinsame Zeit, da die Kinder früh zu Bett müssen. Gehen die Väter an den Wochenenden eigenen Interessen nach bzw. nutzen sie die Zeit für Regeneration und Erholung, so wird die gemeinsame Zeit noch weiter reduziert. Die überdurchschnittlich lange Abwesenheit der Pendler-Väter kann die Vater-Kind-Beziehung nachhaltig beeinflussen. Der andere Elternteil nimmt dabei intensiver am Leben der Kinder teil, und die befragten Kinder besprechen Alltagsprobleme und wichtige Belange eher mit ihren Müttern. Väter haben bei den Kindern zwar weitgehend einen hohen Stellenwert, die Beziehung unterscheidet sich jedoch von der Mutter-Kind-Beziehung: Aufgrund der geringen Zeitkontingente konzentriert sie sich primär auf Spaß und Freizeit und weniger auf ernstere Belange.
"Ich rede mit ihm nicht über alles [...] weil er untertags in Wien ist, und am Abend will ich dann nicht mehr." (Mädchen, Burgenland)
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die eigene Familie der wichtigste Bezugs- und Orientierungspunkt für die befragten Kinder ist. Auch bei Fragen zu Zukunftswünschen und -vorstellungen wird der hohe Stellenwert der Familie sichtbar. Die befragten Kinder orientieren sich stark an traditionellen Familienbildern, die einer Kernfamilie entsprechen. Sie wünschen sich eine Familie, in der Vater, Mutter und Kinder zusammenleben und in der es möglichst wenig Konflikte und Streitigkeiten gibt. Die folgenden Zitate illustrieren abschließend einige Bilder, welche die befragten Kinder von ihrer zukünftigen Familie haben:
„Einen Freund oder einen Mann, je nachdem ob ich ihn heirate oder nicht.“ (Mädchen, Wien)
„Also er [der künftige Partner, Anm.] hat schwarze Haare und er ist ungefähr so groß wie ich, nur ein bisschen größer; und er ist richtig stark, wie mein Papa.“ (Mädchen, Wien)
„Was macht die Frau so?“
„Dass sie Reiten tut und Kochen und Aufräumen.“ (Bub, Burgenland).
„Wie stellst denn Du dir deine Wunschfamilie vor, wenn du mal erwachsen bist?
Wenn ich mal erwachsen bin? Na so wie die jetzt außer, dass man nicht getrennt ist.“ (Bub, Wien).
Mag. Andrea Marhali hat als Forschungsschwerpunkte Familien- und Organisationssoziologie und ist derzeit u.a. als wissenschaftliche Projektmitarbeiterin am Institut für Soziologie beschäftigt.
Mag. Dr. Ulrike Zartler ist Kindheits- und Familienforscherin und als Universitätsassistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien tätig.
Mag. Johannes Starkbaum ist Soziologe und arbeitet derzeit als Projektmitarbeiter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.
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