Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.

Kinder brauchen Liebe und Geborgenheit!

Gewaltfreie Erziehung verträgt kein "wenn und aber"

Christine Winkler-Kirchberger

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften sind oftmals mit schweren Formen von Gewalt in der Familie konfrontiert. Dramatische Fälle von Kindesmisshandlungen stehen auch immer öfter im Mittelpunkt der Medien und stellen das derzeitige System der Jugendwohlfahrt vor große Herausforderungen. Einzelschicksale erschüttern, emotionalisieren und zeigen, dass Kinderschutz ein disziplinär übergreifendes und auch europaweit zu ahndendes Thema sein muss. Fälle, wie die von "Luca" oder "Amstetten" schockieren ob ihrer unverstellbaren
Grausamkeit. 

Daneben scheint die Gewalt, die für viele Kinder in Österreich zu ihrem Alltag gehört, zu verblassen. Öffentlich gewordene Fälle von schweren Kindesmisshandlungen dienen gar manchem Erwachsenen dazu, den eigenen Einsatz von Körperstrafen davon abzugrenzen und durch die Qualifizierung als "Erziehungsmaßnahme" zu rechtfertigen. Aber es sind nicht nur familiäre Bezugspersonen, die den Mythos von der "gesunden Ohrfeige" oder dem "verdienten Klaps" am Leben erhalten: Noch immer stehen selbst KinderexpertInnen dem Durchbruch des Rechtes von Kindern auf gewaltfreie Erziehung entgegen. Solange von PädagogInnen über BeraterInnen bis hin zu WissenschafterInnen in Ausübung ihres Berufes und auch gegenüber der Öffentlichkeit bestimmte Gewaltformen toleriert und verharmlost werden ("es kann schon mal passieren, dass die Hand ausrutscht" … ) wird sich eine kinderrechtliche Erziehungshaltung in unserer Gesellschaft nicht auf breiter Basis etablieren können.

Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung Liebe und Geborgenheit, Respekt und Regeln. Gewalt – ob psychische oder körperliche – ist damit unvereinbar und belastend. Für Zwischentöne oder Halbherzigkeiten ist daher kein Platz, wenn es darum geht, was Kinder brauchen!

Gehorsam durch Gewalt

Körperliche Strafen und ein feindseliges Klima haben für Kinder oft drastische Folgen und sind für ihre Entwicklung schädlich. Ein von Eltern oft gebrauchtes Argument für Gewalt ist:  Gewalt nützt. "Wenn Kinder nicht gehorchen, dann einen Klaps (eine Watsche, Schläge,  Einsperren, etc.) – das wirkt garantiert."  Betrachtet man aber die neuesten Erkenntnisse der Neurobiologie und der Entwicklungspsychologie, dann kann man mit Sicherheit sagen: Gewalt nützt nichts!

  • Gewalt schafft kurzfristig Angst und Schuldgefühle. Kurzfristig sorgt sie für Gehorsam, Misstrauen und Rückzug. Langfristig aber untergräbt Gewalt das Selbstwertgefühl, die Selbstsicherheit und das Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen. Sie verzerrt die Wahrnehmung. Sie führt zu Zorn, Rücksichtslosigkeit und neuer Gewalt. Der Preis für "Gehorsam durch Gewalt" ist zu hoch.
  • Kinder sind neugierig. Sie lernen, wenn ihnen etwas wichtig ist, wenn sie Spaß dabeihaben und wenn sie etwas selbst machen. Sie lernen durch Vorbilder undNachahmung. Kinder machen gerne mit. Hören gerne zu (wenn sie selbst ernstgenommen werden), helfen gerne. Gewalt als Erziehungsmittel ist schlicht undeinfach nicht notwendig.
  •  Gewalt schädigt beide Seiten. Das Kind und den gewalttätigen Erwachsenen. Letzterer spürt immer irgendwie, dass er etwas Unrechtes tut. Um sein Handeln zu rechtfertigen,  drängt er seine Gefühle in den Hintergrund und das wirkt sich auf seine Mitmenschlichkeit aus. Oft fing diese Entwicklung zur eingeschränkten Mitmenschlichkeit schon in der eigenen Kindheit an – dann, wenn man als Kind selbst geschlagen wurde.

 

Hinschauen und wahrnehmen. Eingreifen und sein lassen. Nähe und Freiraum. Mitfühlen und Verantwortung.
Schutz und Selbstständigkeit. Konflikte und Gespräche. Geduld und Grenzen. Kinder brauchen für ihre
Entwicklung ein wohlmeinendes Zusammenspiel dieser scheinbaren Gegensätze.
Auszug aus der Publikation der Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs
"damit es mir gut geht – Was Eltern über Kinderrechte wissen sollen"

Gesetz und Lebenswirklichkeit

Mehr als 20 Jahre nach der Verabschiedung der Kinderrechtekonvention durch die Vereinten Nationen sowie der ausdrücklichen Verankerung eines gesetzlichen Züchtigungsverbotes hat diese kinderrechtliche Haltung noch immer nicht Eingang in die Lebenswirklichkeit vieler Familien gefunden.

So heißt es im § 146a des Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches "… die Anwendung von Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides sind unzulässig." Auch wenn der runde Geburtstag dieser Rechtsnorm im Vorjahr im Mittelpunkt vieler Veranstaltungen und Aktionen stand, belegt unter anderem eine zu diesem Anlass im Auftrag des Familien-ministeriums erstellte Studie, dass sich die Einstellung und das Verhalten der österreichischen Eltern in Erziehungsfragen, vor allem was die Anwendung von Gewalt als Erziehungsmittel anbelangt, nur langsam ändert.  Körperstrafen bei Kindern haben leider eine lange Tradition. Diese Erziehungsmethoden haben daher auch bei vielen Generationen tiefe Spuren hinterlassen. Dennoch sind gesetzliche Normen die Basis und ein erster wichtiger Schritt hin zu gesellschaftlichen Werteänderungen.  So kommt auch die Studie zu dem Schluss, dass in Ländern, in denen ein Verbot von Gewalt in der Erziehung besteht, deutlich weniger Körperstrafen angewendet werden. Heute erziehen etwa 30 % der Eltern in Österreich ihre Kinder ohne Gewalt, im Vorreiter-Land Schweden liegt der Anteil körperstrafenfrei Erziehender inzwischen allerdings bei 76 %. So wird in Schweden das dort vor über 30 Jahren gesetzlich verankerte Gewaltverbot in regelmäßigen Abständen durch Kampagnen und Aktionen im öffentlichen Bewusstsein gehalten.

Familienalltag vieler Kinder

Trotz der guten gesetzlichen Maßnahmen in Österreich bestätigt auch die Beratungspraxis der Kinderschutzeinrichtungen die nur zögerliche Veränderung in der Erziehungshaltung.  Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich hat dazu im vergangenen Jahr Volksschulkinder befragt: Demnach hat fast die Hälfte der SchülerInnen schon körperliche Gewalt durch ihre Eltern, etwa durch eine Ohrfeige, erfahren. 21 % erlebten schon Gewalt durch "Hintern versohlen" und weitere 13 % durch Schläge mit einem Gegenstand  (Mehrfachnennungen waren möglich).

Die nach wie vor vorhandene Ambivalenz vieler Erwachsener zur gewaltfreien Erziehung kommt auch in einer 2009 durchgeführten Umfrage des Instituts Spectra im Auftrag der Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich zum Ausdruck: So stimmen rund 95 % der befragten Erwachsenen der Aussage zu, dass "Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben", doch gleichzeitig bekundet ein Drittel dieser Befragten kontrovers dazu "Eine Watsche schadet niemanden" und "Was in der eigenen Familie vorgeht, geht niemanden etwas an". Neben diesen noch weit verbreiteten Einstellungen fördern natürlich widrige Lebensumstände die Gewaltbereitschaft, sodass in den letzten Jahren sogar eine deutliche Zunahme der Problematik zu verzeichnen ist.

Psychosoziales Netzwerk für Kinder

Ein Blick auf die tatsächliche Lebenssituation in vielen Familien stimmt nachdenklich. Immer mehr Eltern gelingt es – aus verschiedenen Gründen – offenbar nicht oder nur mit größter Anstrengung, für eine körperlich und seelisch gesunde Entwicklung ihrer Kinder zu sorgen.  Unübersehbar geworden ist eine zunehmende Instabilität sozialer Beziehungssysteme,  wodurch vor allem Kinder erhöhten Risiko- und Stressfaktoren ausgesetzt sind, etwa wenn ihre Eltern in prekären Arbeitsverhältnissen es kaum oder nur unter schwierigsten Bedingungen schaffen, ausreichend für den Lebensunterhalt zu sorgen, wenn familiäre Beziehungsnetze zerbrechen oder wenn die Eltern unter psychischen Belastungen leiden.

Es gilt daher Bedingungen zu schaffen, die Eltern einerseits in die Lage versetzen, ihren vielfältigen Erziehungs- und Betreuungsaufgaben in verantwortungsvoller Weise nachzukommen, und andererseits Kinder, deren Eltern dieser Erziehungsverantwortung nicht gerecht werden (können), in einem effektiven Schutz – und Unterstützungssystem aufzufangen.  Was dringend Not tut, ist ein umfassendes psychosoziales Netzwerk für Kinder und für Eltern, und zwar von der Geburt des Kindes an bis ins junge Erwachsenenalter. Dazu ist das übliche "Schubladen-Denken" zu überwinden, in dem Verantwortung nur für einen  begrenzten Bereich übernommen wird und allzu oft Verantwortlichkeiten zwischen verschiedenen Systemen (Ressorts, Bund – Länder, …) hin und her geschoben werden. Was es braucht ist neben der fachlichen Kompetenz die Bereitschaft und die Fähigkeit zu einer systemvernetzten Zusammenarbeit aller involvierten Stellen (Kindergarten, Schule,  Jugendwohlfahrt, Gerichte, Gesundheitssystem, …) gepaart mit persönlicher Zivilcourage der handelnden Personen. Und allem voran: ausreichende personelle und finanzielle Ressourcen sowie organisatorische Rahmenbedingungen dafür, verbunden mit einer Anerkennung der gesamten sozialen, pädagogischen und medizinischen (Beziehungs-)Arbeit als eine der wichtigsten gesellschaftlichen Kernaufgaben.

Breite Offensive für Kinderschutz

Familie ist jener Ort, der Kindern und Jugendlichen Geborgenheit und Schutz bieten soll.  Kinder sind viele Jahre von ihren Eltern abhängig. Kein Kind kann gefühlsmäßig verstehen,  dass die Menschen, die es liebt, ihm Schmerzen zufügen.  Es gibt keine "Bedienungsanleitung" für Kinder. "Erziehen" bedeutet, sich immer wieder offen, echt, gleichwertig aufeinander einzustellen. Dazu gehört, dass sich Erziehende über ihre eigenen Grenzen klar werden und diese gegenüber ihrem Kind kommunizieren. Wenn Gefühle wie Liebe und Respekt den erzieherischen Takt bestimmen, haben Eltern und Kinder die Chance auf ein ausgeglichenes und gegenseitig stärkendes Miteinander.  Gewalt an Kindern ist keine "Privatsache"; Erziehungsmethoden, die körperliche Strafen verharmlosen, dürfen nicht länger gesellschaftlich toleriert werden!  Es ist in Österreich an der Zeit für ein klares Bekenntnis aller Verantwortungsträger zum Recht auf gewaltfreie Erziehung.

Bewusstseinsbildung kann nur auf breiter Basis und ausgerichtet auf Kontinuität wirklich erfolgreich sein. Ideen und best practice Modelle aus dem In- und Ausland sowie Institutionen, die kooperieren und als Verstärker wirken, gilt es für eine Offensive zu nützen.

Mag.a Christine Winkler- Kirchberger
Leiterin der Kinder- und Jugendanwaltschaft Oberösterreich

Infos zu den Kinder- und Jugendanwaltschaften Österreichs unter www.kija.at


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