Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Kind(heit) in der Enge - Kinderarmut in Österreich
Martin Schenk
1. Was ist Armut?
Armut sagt sprachlich, dass es an etwas mangelt, Reichtum, dass etwas in Fülle da ist. „Arm ist derjenige, dessen Mittel zu seinen Zwecken nicht zureichen“, merkte Georg Simmel knapp an. Armut ist relativ. Sie setzt sich stets ins Verhältnis, egal wo. Sie manifestiert sich in reichen Ländern anders als in Kalkutta. Menschen, die in Österreich von 300 oder 500 € im Monat leben müssen, hilft es wenig, dass sie mit diesem Geld in Kalkutta gut auskommen könnten. Die Miete ist hier zu zahlen, die Heizkosten hier zu begleichen und die Kinder/Jugendlichen gehen hier zur Schule.
Armut ist das Leben, mit dem die wenigsten tauschen wollen. Arme Jugendliche haben die schlechtesten Jobs, die geringsten Einkommen, die kleinsten und feuchtesten Wohnungen, sie haben die krankmachensten Tätigkeiten, wohnen in den schlechtesten Vierteln, gehen in die am geringsten ausgestatteten Schulen, müssen fast überall länger warten – außer beim Tod, der ereilt sie um einige Jahre früher als Angehöriger der höchsten Einkommensschicht.
Die Statistik Austria (2009) spricht von „manifester Armut“ wenn neben einem geringen Einkommen deprivierte Lebensbedingungen auftreten: Die Betroffenen können sich abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht angemessen warm halten, keine unerwarteten Ausgaben tätigen, sie weisen einen schlechten Gesundheitszustand auf, sind chronisch krank, leben in feuchten, schimmligen Wohnungen.
Mangel an Möglichkeiten - Verwirklichungschancen
Armut ist einer der existenziellsten Formen von Freiheitsverlust. Armut ist nicht nur ein Mangel an Gütern. Es geht immer auch um die Fähigkeit, diese Güter in Freiheiten umzuwandeln. Güter sind begehrt, um der Freiheiten willen, die sie einem verschaffen. Zwar benötigt man dazu Güter, aber es ist nicht allein der Umfang der Güter, der bestimmt, ob diese Freiheit vorhanden ist. Die Freiheit zum Beispiel über Raum zu verfügen: aus einer runtergekommen Wohnung wegziehen können oder eben nicht. Oder sich frei ohne Scham in der Öffentlichkeit zu zeigen oder nicht. In Armut kann man sein Gesicht vor anderen verlieren. Oder die Verfügbarkeit über Zeit: Frauen mit Kindern in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen wie Leiharbeit, die nicht entscheiden können, wann und wielange sie arbeiten und wann eben nicht. Oder die Freiheit sich zu erholen. Die sogenannte Managerkrankheit mit Bluthochdruck und Infarktrisiko tritt bei Armen dreimal so häufig auf wie bei den Managern selbst. Nicht weil die Manager weniger Stress haben, sondern weil sei die Freiheit haben, den Stress zu unterbrechen: mit einem Flug nach Paris oder einer Runde Golf.
Armut ist ein Mangel an Möglichkeiten. Arme sind Subjekte, keine Objekte ökonomischen Handelns. Von Freiheit können wir erst sprechen, wenn sie auch die Freiheit der Benachteiligten miteinschließt. Liberalisierung, die die Wahlmöglichkeiten und Freiheitschancen der Einkommensschwächsten einschränkt, ist eine halbierte Freiheit. Bei der Analyse sozialer Gerechtigkeit geht es immer auch darum, den individuellen Nutzen nach den “Verwirklichungschancen” der Ärmsten zu beurteilen.
Der Birnbaum
Denn Freiheit erschließt sich für den Menschen, der vor einem Baum voll mit Birnen steht, nicht dadurch, dass es einen Birnbaum gibt; sondern erst dadurch, dass dem Kleinsten eine Leiter zur Verfügung steht. Das sind die Möglichkeiten, die es braucht um Güter in persönliche Freiheiten umzusetzen. Möglichkeiten sind Infrastruktur, ein Bildungssystem, Leitern sozialen Aufstiegs, Kinderbetreuung zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, etc. Alle gute Ausbildung nützt nichts, wenn es keine Jobs gibt. Und alle Möglichkeiten nützen nichts, wenn der Birnbaum mit einer Mauer abgesperrt ist. Freiheit erschließt sich aus dem Zusammenwirken von Gütern, Möglichkeiten und Fähigkeiten. Freiheit erschließt sich aus Solidarität. Um die 100 000 Kinder und Jugendliche sind „manifest arm“. 44 000 Kinder und Jugendliche verbringen ihre Tage unter Sozialhilfebedingungen.
Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen
Bei Kindern von Erwerbslosen und SozialhilfeempfängerInnen treten überproportional asthmatische Erscheinungen und Kopfschmerzen auf. Teilt man die Gesellschaft in drei soziale Schichten, treten bei Kindern in der unteren Schicht mehr Kopfschmerzen, Nervosität, Schlafstörungen und Einsamkeit auf (Klocke/Hurrelmann 1995). Diese Kinder tragen die soziale Benachteiligung als gesundheitliche Benachteiligung ein Leben lang mit. Sie sind auch als Erwachsene deutlich kränker als der Rest der Bevölkerung. Arme Kinder von heute sind die chronisch Kranken von morgen.
Scham
Dazu kommt die Scham, die eigene Armutssituation zu zeigen. Sich in den Augen der anderen als "Loser" präsentieren zu müssen, darauf haben besonders diejenigen, die von sozialem Absturz bedroht sind, keine Lust. Wenn das eigene Ansehen bedroht ist, fühlen wir Scham. Menschen, die bereits mit dem Rücken zur Wand leben, versuchen, solange es ihnen möglich ist, die Normalität nach außen aufrecht zu erhalten. Die Kinder sollen mit den anderen mit können, die Nachbarn brauchen sich nicht den Mund zu zerreißen. Es ist eine Form der Selbstachtung, ein Selbstschutz, das Gesicht vor den anderen nicht zu verlieren. Wenn die Scham weg ist, bricht der Mensch. Bei Wohnungslosen ist es ein großer Schritt, wenn sie sich wieder pflegen, duschen, auf ihr Äußeres schauen können. Das braucht zusätzlich zu den schwierigen Lebensumständen nochmals viel Energie.
Die Dauerüberanspruchung der eigenen Ressourcen macht Menschen verletzlicher und schwächt die Widerstandsfähigkeit. So schwinden die persönlichen Ressourcen innen wie auch die sozialen von außen. Die Vulnerabilität, die Verwundbarkeit wird höher. Ein Beispiel aus der Praxis einer Beratungsstelle: Der Vater eines Mädchen in der dritten Klasse Volksschule ist seit zwei Jahren arbeitslos. Die Mutter ist Hausfrau. Aufgrund der Arbeitslosigkeit haben sich die Schulden der Familie dramatisch angehäuft. Die persönlichen Kontakte der Familie ändern sich, die Kontakte nach außen werden reduziert. Das Kind nimmt an keinen teuren Schulveranstaltungen mehr teil. Die Probleme werden jedoch nicht offen ausgesprochen, die Tochter wird oft krank gemeldet. Auch mit den Familien der SchulkollegInnen werden kaum noch Kontakte gepflegt. Es herrscht offensichtlich Angst vor dem Einblick in die soziale Situation.
Welche subjektiven Bewältigungsstrategien Kinder in Armutsverhältnissen ergreifen untersuchte Richter (2000) in einer groß angelegten Studie. Die vier möglichen Strategien waren 1. Mit sich selbst ausmachen, 2. Soziale Unterstützung suchen/gewähren, 3. Anstatt-Handlung/ Haltung (beschreibt die Umbewertung von Ereignissen, beispielsweise in der Form, dass ein Kind sich einzureden versucht, ein sehnlichst gewünschtes Spielzeug sei gar nicht schön, oder es wolle mit bestimmten Kindern, von denen es ausgeschlossen wurde, ohnehin nichts zu tun haben) und 4. An die Umwelt weitergeben (umfasst sowohl aggressive Verhaltensweisen als auch Forderungen an die Eltern). Die Kategorie „mit sich selbst ausmachen“ wurde am häufigsten genannt. Sie beschriebt ein Verhalten, dass die Kinder u.a. mit weggehen, nachdenken, an etwas anderes denken beschreiben.
Armut beschämt. Armut macht krank. Armut ist Stress. Armut macht einsam. Armut nimmt Zukunft.
Je früher, je schutzloser und je länger
Die Chance aus der Armut herauszukommen, steht in enger Wechselbeziehung zu gesellschaftlicher Ungleichheit insgesamt. Je sozial gespaltener eine Gesellschaft ist, desto mehr Dauerarmut existiert. Je mehr Dauerarmut existiert, desto stärker beeinträchtigt sind die Zukunftschancen sozial benachteiligter Jugendlicher. Je früher, je schutzloser und je länger Kinder in Armutssituation ausgesetzt sind, desto stärker die Auswirkungen.
2. Durchschnittliche soziale Mobilität
Trotz der im europäischen Vergleich geringen Kinderarmut schneidet Österreich in der sozialen Mobilität „nach oben“ nur durchschnittlich ab. Die soziale Herkunft entscheidet überaus stark den weiteren Lebensweg. Das Haushaltseinkommen bestimmt in Österreich maßgeblich den Bildungsweg der Kinder.
61 000 armutsgefährdete Kinder wohnen in äußerst beengten Verhältnissen, sie leben in überbelegten Wohnungen, das heißt sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit zu wenig Platz zum Spielen und Arbeiten, keinen eigenen Schreibtisch. Der eigene Platz zum Lernen, sich zu Konzentrieren ist ein Faktor, der in den OECD-Bildungsstudien als wichtiger Indikator für Lernerfolg beschrieben ist.
In äußerst beengten Verhältnissen und überbelegten Wohnungen ist es für die Kinder schwieriger, Aufgaben zu fokussieren. Aber es muss gehen. Die älteste Tochter von Frau Kellner, Petra, passt auch an vier Nachmittagen auf die kleineren Geschwister auf. Da ist die Mutter bei der Arbeit. Und wenn die Mutter nicht mehr kann, springt sie ein. „Im letzten Winter haben sie uns den Strom abgedreht“, erinnert sich Bettina Kellner. Es war bitter kalt in der Wohnung. „Die Kinder haben geweint.“ Und wochenlang nicht gelernt. „Petra, jetzt 15, fühlt alles akut mit, sieht, dass wir mit den täglichen Aufgaben allein dastehen. Nahe Verwandte in der Nähe gibt es nicht und meine Mutter ist selbst bettlägerig.“ Das Mädchen ist mit der Schule und den Herausforderungen der Pubertät eigentlich überfordert, knickt immer wieder ein, wird krank und von lähmender Müdigkeit befallen. Viele Jugendliche reagieren mit depressiven Verstimmungen auf belastende und überfordernde Situationen.
Es ist nicht ein Faktor, der zu schlechten Schulleistungen führt. Es ist auch nicht ein Faktor, der Kinder aus ökonomisch benachteiligten Familien geringe Aufstiegschancen beschert. Es ist die Kombination aus einem Bündel von Kriterien: Eine überbelegte Wohnung fällt zusammen mit einer Halbtagsschulordnung. Wenig Einkommen trifft auf ein einkalkuliertes Nachhilfesystem. Keine Unterstützung zu Hause kommt mit eigener Erschöpfung und Unkonzentriertheit zusammen.
"Wo stehst du, wenn du 30 Jahre alt bist?", wurden die Fünfzehnjährigen in ganz Europa im Rahmen der PISA-Studie gefragt. Ergebnis: In Österreich trauen sich Jugendliche aus Familien mit geringem sozioökonomischen Status weniger zu als Jugendliche aus vergleichbaren Familien in Finnland oder Kanada. Man weiß, wer wohin gehört. In Österreich erwarteten sich die 15jährigen, die bereits nach ihrer vermeintlichen Leistungsfähigkeit zugewiesen wurden, deutlich weniger von ihrer Zukunft als in Ländern, in denen soziale Aufstiegschancen besser gewährleistet werden. Aus armen Kindern werden arme Eltern, aus reichen Kindern werden reiche Eltern.
Ob eine Schule sozial integrativ ist oder nicht, liegt an der Schulorganisation genauso wie an der Unterrichtsqualität, genauso wie an der Schulraumarchitektur genauso wie an der Lehrerausbildung. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Damit Zukunft nicht von der Herkunft abhängt, braucht es einen Bildungsweg, der nicht sozial selektiert, sondern individuell fördert, es braucht eine gut ausgebaute Frühförderung vor dem Schuleintritt, und es braucht den politischen Willen, um wachsender sozialer Polarisierung entgegenzutreten. Wichtig wäre auch, Schulen in sozial benachteiligten Bezirken oder Regionen besonders gut auszustatten und zu fördern, damit sie für alle Einkommensschichten attraktiv bleiben.
In Finnland besuchte ich einmal eine Schule im Osten, in einer Region mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und sozialen Problemen. Als ich die Direktorin fragte, was ihre Schule denn ausmache, zeigte sie auf zwei Bilder hinter sich an der Wand, dort waren zwei kurze finnische Sätze gerahmt. „Das ist mir wichtig“, sagte sie: „Keinen Schüler aufgeben“ und „Kein Kind beschämen“.
Was den Schwachen gut tut, nützt auch den Starken. Wenn die Bedingungen stimmen. Denn wenn es zu wenig Integrationslehrer für Kinder mit Behinderungen gibt, wenn geschlossene „Ausländerklassen“ zum Deutschlernen errichtet werden, wenn zweisprachige Begleitlehrer an allen Ecken fehlen, wenn leistungshomogene Restklassen entstehen, wenn die Klassen überfüllt sind, wenn die Raumarchitektur flexible Lernformen nicht zulässt – dann wird es nichts mit dem Nutzen für alle.
Die Frage, wie Kinder, die schwächer sind, gestärkt werden können, ist ja nicht neu: sozial benachteiligte Kinder, Kinder, die aufgrund ihrer Herkunftsfamilie Probleme haben, Kinder mit Behinderungen oder einfach solche, die die Unterrichtssprache noch nicht gut beherrschen. Die Idee, homogene Gruppen mit den Schwächeren zu bilden und diese im Namen der Integration von den Stärkeren zu trennen, ist auch nicht neu. Es waren immer die Gleichen, die von den Schwächeren „Integration“ gefordert haben, um sie dann – wenn's ernst wurde – in Segregationsmodelle zu stecken. „Wer nicht in das Schema passt, wird in eine Nische geschoben und dort von Spezialisten unterrichtet. Das ist ein System mit abschiebender Wirkung“, stellt der Leiter der Grazer Forschungsabteilung für Schulentwicklung, Werner Specht, fest.
Integration von benachteiligten Kindern und Jugendlichen heißt: soziale Teilhabeermöglichen, ihre Ressourcen und Fähigkeiten stärken – und setzt ein institutionelles Umfeld voraus, das mit Unterschieden produktiv umgehen kann. Das gilt für Kinder mit Behinderungen genauso wie für Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen. Und: Integration kann allen nützen. Die Starken verlieren nicht. Im Gegenteil. Sie profitieren von den Lernbedingungen, die den Schwachen helfen. Das zeigen alle Schulvergleichsstudien.
In Finnland (sechs Prozent), Schweden (13 Prozent) und den Niederlanden (elf Prozent) finden sich deutlich weniger Schüler am unteren Ende der Leistungsverteilung als in Österreich (21 Prozent). Gleichzeitig erreichen 15 Prozent der finnischen, elf Prozent der schwedischen und neun Prozent der niederländischen Schüler mit Level fünf den obersten Leistungsbereich im Lesen (in Österreich acht Prozent) Die Förderung von Spitzenleistungen muss nicht auf Kosten der Förderung von schwachen Schülern gehen. Vielmehr können Schulsysteme ihre Besten für Spitzenleistungen qualifizieren, gleichzeitig aber dafür sorgen, dass der Abstand der schwächsten Schüler zu den besten gering ist. Das zeigt, dass Schulsysteme, die Risikogruppen möglichst klein halten, allen Kindern bessere Möglichkeiten bieten. Die Förderung von Kindern, die aus armutsgefährdeten Haushalten kommen, geht somit ganz und gar nicht auf Kosten der Entwicklung von Talenten und Fähigkeiten aller Kinder oder besonders begabter Kinder.
Was es braucht, sind Lernbedingungen, die allen Vorteile bringen: „Der Weg, auf dem die Schwachen sich stärken, ist derselbe wie der Weg, auf dem die Starken sich vervoll-kommnen“, hat die Pädagogin Maria Montessori formuliert, als sie im Armenviertel Roms ihre „Casa Bambini“ errichtete.
3. Finanzdesaster: Herzinfarkt
Mittlerweile versuchen auch Kommentatoren uns glauben zu machen, dass es sich bei der Finanzkrise bloß um einen „Topathleten mit Muskelkater handle, der mit etwas Ruhe und Physiotherapie schon den Kater behebe – anstatt die Krise als Herzattacke eines sechzigjährigen Rauchers zu verstehen, für dessen Heilung eine Operation und massive Veränderungen im Lebenswandel vonnöten wären“, analysiert treffend der Ökonom Robert Wade von der Londoner School of Economics. Aktuell erleben wir kein „Kriserl“, keinen Muskelkater, sondern einen ordentlichen Herzinfarkt. Ein Systembeben.
Business as usual. Die Finanzkrise wird bereits „abgesagt“. Die Ober-Absageagenturen sind Währungsfonds, die selben Wirtschafts-“experten“ von vor der Krise und der Finanzminister. Dabei steht die soziale Krise erst vor der Tür. Besonders auch Jugendliche am Arbeitsmarkt. Praktisch, die Absage: Jetzt braucht es urplötzlich keine sozialen oder konjunkturellen Maßnahmen mehr. Im Gegenteil, noch praktischer: jetzt ist kein Geld mehr da für Mindestsicherung, und Schulreform. Und noch viel überpraktischer: Jetzt muss das Geld gespart werden, das zur Rettung des Finanzsektors ausgeben wurde. Und wo wird gespart? Natürlich bei Sozialem Gesundheit und Bildung. - während es für den Finanz- und Bankensektor Milliarden Steuergelder ohne vergleichbar strenge Auflagen gab, vermögensbezogene Steuern tabuisiert und mit Steuergeld höchst unvorsichtige Investments in Steueroasen getätigt wurden. Die Abschaffung der Schenkungs- und Erbschaftssteuer, als Bagatellsteuer bezeichnet, beträgt genau die Summe der Mindestsicherung auf Bundesebene: 150 Mio. Immer wenn es um die ärmsten Prozent der Bevölkerung geht, ist kein Geld da oder droht der Staatsbankrott. Dieses Muster ist bei der Verschlechterung der Mindestsicherung genauso wie bei den Zuschlägen beim Kindergeld beobachtbar.
In einer wirtschaftlichen Rezession historischen Ausmaßes mit seinen sozialen Folgen von Arbeitslosigkeit und Armut geht es um die Steuerungsinstrumente, die noch das Ganze, das Gemeinwohl, im Auge haben. Denn jeder macht das für sich Vernünftige, aber für das Ganze Falsche. Die Privathaushalte sparen und halten sich im Konsum zurück. Die Unternehmen entlassen Beschäftigte und investieren nicht. Die Banken geben aus Vorsicht keine Kredite an Unternehmen. Wenn die Republik jetzt auch spart und bei Sozialleistungen und Infrastruktur kürzt, verschärft sie die Krise. Deshalb muss die res publica, unsere gemeinsame Sache, das Ganze im Auge behalten und steuern. Auch bei den Einnahmen.
Die Konjunkturprogramme sind in Europa im Vergleich zu Amerika verhältnismäßig gering. USA 5,6%, China 7,1%, EU 1,2%. Jeder Kontinent hat andere Herausforderungen, okay. Es müssen aufgrund der besseren Sozialsysteme auch nicht 5% sein. Aber es gibt hier noch beträchtlichen Handlungsspielraum. Besonders darin, konzertiert und mehr vom Richtigen zu tun, wie Investitionen in die Zukunftssektoren sozialer Dienstleistungen oder Bildung. In den österreichischen Konjunkturpaketen kommen hingegen die blinden Flecken von John Maynard Keynes zum Tragen: Kein Blick für Armut und für den sozialen Dienstleistungssektor. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Amartya Sen hat in einem interessanten Aufsatz in der „New York Review“ auf diese Schwachstellen des Alt-Keynesianismus hingewiesen. In den Konjunkturpaketen hierzulande werden die Einkommensschwächsten zu wenig berücksichtigt und die Möglichkeiten im Dienstleistungssektor nicht wahrgenommen. So laufen zwei Drittel in die Steuerreform, und nur ein Drittel in Infrastruktur.
Dabei könnten wir einiges machen. Es ist nicht zu spät. „Investiert man eine Million Euro in Kindergärten schafft man 15 Vollzeitarbeitsplätze“, hat Prof. Ulrike Schneider von der Wiener Wirtschaftsuniversität errechnet., das heißt jede weitere Million an Ausgaben der Kindertageseinrichtungen generiert gesamtwirtschaftlich zusätzliche 15 Vollzeit-Arbeitsplätze. Dieser Multiplikatoreffekt im sozialen Feld kann sich mit anderen Sektoren sehen lassen: Die Stromwirtschaft weist einen Beschäftigungsmultiplikator von 13 auf, der Bausektor von 11. Am höchsten schneidet die Tourismuswirtschaft mit einem Vielfachen von 19 ab. Soziale Dienstleistungen sind eine Produktivkraft. Sie haben drei Funktionen. Sie sorgen für Wachstum, stabilisieren die Wirtschaft und stiften sozialen Ausgleich. Sie haben Wachstumsfunktion bei Beschäftigung. Sie haben stabilisierende Funktion, weil sie Teilhabe sichern und Nachfrage über den Konjunkturzyklus bereitstellen. Und sie erfüllen die Funktion des sozialen Ausgleichs. Besonders die Dienstleistungen in Pflege, Kinderbetreuung und Bildung reduzieren das Armutsrisiko und verteilen zu den Schwächeren um. Österreich liegt mit seinen Sozialdienstleistungen unter dem EU-Durchschnitt. Sowohl bei der Pflege als auch bei der Kinderbetreuung. Hier gibt es viel ungenütztes Potential, das brach liegr.
Zusammenfassung
Kinder, die in Armutsverhältnissen leben, haben arme Eltern. Sie sind zugewandert, erwerbslos, alleinerziehend, psychisch oder physisch beeinträchtigt oder haben Jobs, von denen sie nicht leben können. Jede Strategie gegen Jugendarmut muss deshalb auch eine Strategie für ein existenzsicherndes Einkommen der Eltern sein.
Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, sind geschwächt. Jede Strategie gegen Jugendarmut muss deshalb auch Jugendliche stärken und in ihre Ressourcen investieren. - Kinder, die in Armutsverhältnissen aufwachsen, haben ein hohes Risiko als Erwachsener wieder arm zu werden. Jede Strategie gegen Jugendarmut muss deshalb diesen Kreislauf durchbrechen; zb Bildungs- wie Lernbedingungen zur Verfügung stellen, die integrieren, nicht selektieren.
Damit es für sozial benachteiligte Jugendliche Zukunft gibt – trotz Herkunft.
STATISTIK AUSTRIA (2009): EU SILC 2007.
DIMMEL/HEITZMANN/SCHENK (2009): Handbuch Armut in Österreich. Studienverlag.
KLOCKE/ HURRELMANN (1995) : Armut und Gesundheit. Inwieweit sind Kinder und Jugendliche betroffen? in: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 2.Beiheft, S. 138-151
RICHTER (2000): Wie erleben und bewältigen Kinder Armut? Eine qualitative Studie über die Belastungen aus Unterversorgungslagen und ihre Bewältigung aus subjektiver Sicht von Grundschulkindern einer ländlichen Region. Aachen.
SPECHT (2007): Abschiebende Wirkung, in: Diakonie Themen Nr 144-3, S 10-13.
OECD (2004): Lernen für die Welt von morgen. Erste Ergebnisse von PISA 2003, Paris.
SCHENK/ MOSER (2010): Es reicht. Für alle. Wege aus der Armut. Zsolnay-Deuticke.
STATISTIK AUSTRIA (2009): EU SILC 2007.
DIMMEL/HEITZMANN/SCHENK (2009): Handbuch Armut in Österreich. Studienverlag.
KLOCKE/ HURRELMANN (1995) : Armut und Gesundheit. Inwieweit sind Kinder und Jugendliche betroffen? in: Zeitschrift für Gesundheitswissenschaften, 2.Beiheft, S. 138-151
RICHTER (2000): Wie erleben und bewältigen Kinder Armut? Eine qualitative Studie über die Belastungen aus Unterversorgungslagen und ihre Bewältigung aus subjektiver Sicht von Grundschulkindern einer ländlichen Region. Aachen.
SPECHT (2007): Abschiebende Wirkung, in: Diakonie Themen Nr 144-3, S 10-13.
OECD (2004): Lernen für die Welt von morgen. Erste Ergebnisse von PISA 2003, Paris.
SCHENK/ MOSER (2010): Es reicht. Für alle. Wege aus der Armut. Zsolnay-Deuticke.
Mag Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der Armutskonferenz, Psychologe.
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