Verein für gewaltlose Erziehung

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.
Die Stillende – Gedanken zur personifizierten Gewaltlosigkeit
Christian Vielhaber
Hans Czermak hat zu Lebzeiten mehr als einmal flammende Plädoyers für das Stillen gehalten und sich damit einmal mehr gegen den damaligen Zeitgeist gestellt. Dieser zeigte sich vor allem durch den vor drei bis vier Jahrzehnten medial vielfach inszenierten Versuch dem Akt des Stillens jenen der schnell und praktisch funktionierenden Nahrungsmittelaufnahme gegenüberzustellen. Stillen ist gestern, mit wertvollen Mineralstoffen angereicherte Kinderfläschchen das ist heute. Czermak ließ sich nicht beirren und dokumentierte seine absolute Präferenz auch dadurch, dass er begann, Stillende in Formen künstlerischer Darstellung zu sammeln. Die Sammlung wurde von seinem Sohn Gert Czermak weiter gepflegt und mit tatkräftiger Unterstützung unseres Vorstandsmitgliedes Birgit Streiter wurde in diesem Jahr eine Kooperation mit dem Dommuseum St. Stephan eingegangen (www.dommuseum.at). Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist eine wunderbare Ausstellung mit dem Titel: „Die Stillende in der Kunst“, die bis 27. Feber zugänglich ist.
Den Exponaten ist eines gemeinsam: Sie vermitteln jenes Gefühl von Innigkeit, Zuneigung und Liebe, die das Stillen als einen Akt erfühlbar macht, der weit über die Funktion einer reinen Nahrungsmittelaufnahme hinaus geht. Vielleicht wäre es tatsächlich wirkungsvoll, im Rahmen einer gezielten Öffentlichkeitsarbeit, der Gewalt in ihren vielfältigen Ausdrucksformen das Stillen als Antithese gegenüberzustellen. Beides ist eine Form der Kommunikation zwischen Menschen. Doch während die eine leidvoll empfunden wird und zumeist destruktiv wirkt, entwickelt die andere eine positive Kraft, die von allen Beteiligten als solche empfunden wird: Stillen als erste Möglichkeit, mit neuen Erdenbürgern in Augenhöhe Kontakt aufzunehmen und damit dem gewaltfreien Umgang miteinander ein erstes Bewährungsfeld zu öffnen.
Was spräche eigentlich dagegen? Die Interpretation des Stillens als Antithese zur Gewalt führt zu einem komplexen Bild, welches ausschließlich mit positiven Attributen besetzt ist. Stillen ist Wärme, Vertrauen, Zufriedenheit, Intimität, Gemeinsamkeit, Ruhe, Gelassenheit. Stillen produziert nachhaltige Glücksgefühle, ist gewaltfrei und selbstbestimmt. Allerdings, um einen modernen Terminus zu bemühen, Stillen ist nicht kompatibel mit den streng regulierten Abläufen einer modernen Leistungsgesellschaft, deren Raum-Zeit Arrangements meist exakt definiert sind. Stillen in seiner idealen Verwirklichung widersetzt sich fremdbestimmten Interessen durch eine Vereinbarungslogik, die exklusiv zwischen Mutter und Kind ausgehandelt wird, und damit gibt es kein „Nicht hier“ und „Nicht jetzt“, das von außen eingefordert wird. Damit wird deutlich, dass Stillen eine klare Gegenposition zu jener Definition von Gewalt darstellt, die festschreibt, dass es sich dabei um die einseitige machtvolle Durchsetzung von Interessen gegen die Wünsche, Bedürfnisse und Absichten Dritter handelt.
Davon ausgehend liegt die Vorstellung nahe, dass Stillen eine gute Voraussetzung sein könnte, um eine Kindheit zu sichern, in der Gewaltfreiheit das herrschende Prinzip ist. Es gilt also das fortzusetzen, was in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt die Still-Beziehung zwischen Mutter und Kind prägt, nämlich die positiven Bindungserfahrungen weiterzuleben. Das zu erreichen, dafür lohnt sich jede Anstrengung.
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