Österreichischer Kinderschutzbund - Verein für gewaltlose Erziehung

Kinder sind unschlagbar

Auszüge aus unserer Zeitung KINDERSCHUTZ AKTIV.

Besuchsbegleitung der Kinderfreunde Tirol

Gabriele Pock

Als ich gefragt wurde, einen Artikel über die Besuchbegleitung und unsere Erfahrungen zu schreiben, habe ich spontan zugesagt. Dann schlich sich eine gewisse Unsicherheit bei mir ein. Bin ich doch selbst unerfahren im Schreiben von Artikeln und weit entfernt von journalistischen Kenntnissen. Letztlich fiel dann in mir der Entschluss, einfach drauf los zu schreiben, über die einigen Erfahrungen zu berichten und mit unseren Wertvorstellungen zu ergänzen.

„Ich will meinen Papa wieder haben“

Ein Ausspruch vieler Kinder, die nach schwierigen Scheidungssituationen an „Altem“ festhalten wollen und mit der Neuorientierung noch nicht zurrecht kommen. Kinder sind meist die Leidtragenden, wenn sich ihre Eltern trennen. Beide Elternteile sind in den jeweiligen Trennungssituationen vielfach mit ihren eigenen Gefühlen vollkommen ausgelastet, wenn nicht sogar überlastet. In sehr schwierigen Konfliktsituationen können oder wollen die Eltern nicht mehr miteinander kommunizieren und so wird die Aufrechterhaltung der Kontakte zum Kind äußert schwierig, zum Teil unmöglich.

Mit der neuen 2001 erfolgrten Gesetzesänderung wird das besuchsrecht primär als Recht des Kindes angesehen, mit dem Elternteil, bei dem es nicht lebt, Kontakt halten zu können.Zum Wohle des Kindes und zur Wahrung seiner rechte bieten seit Jahresbeginn 2005 auch die Kinderfreunde Tirol „Besuchsbegleitung“ (begleitete Besuchskontakte) an. In besonders schwierigen, konfliktreichen Situationen hilft Besuchsbegleitung, indem sie bei der Kontaktanbahnung oder Kontaktaufrechterhaltung vermittelt und die Kontakte begleitet. Anwesende BesuchsbegleiterInnen helfen, durch ihre Erfahrungen Konflikte zu entschärfen und tragen so dazu bei, ein kleines Stück Normalität in die Neuorientierung zu bringen

Die geförderten, begleiteten Besuchskontakte finden außerhalb der üblichen Arbeitszeiten der Schul- und Kindergärten bzw. der Hortzeiten statt: Montag bis Donnerstag ab 15:00 Uhr, Freitag ab 14:00 Uhr, an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen ganztags. Begleitete Besuchskontakte können gerichtlich angeordnet aber auch mit dem Einverständnis beider Elternteile durchgeführt werden. In der Eingangsphase werden die ersten Gespräche mit den jeweiligen Elternteilen getrennt geführt, um Rahmenbedingungen und Ziele zu erörtern. In weiterer Folge findet ein Treffen mit dem Kind und dem/der BesuchsbegleiterIn statt, damit das Kind die Begleitung und die Räumlichkeiten kennen lernt und Vertrauen aufbauen kann.

Mit Jahresende 2004 haben wir im Team bei den Kinderfreunden Tirol mit der Ausarbeitung der Konzeption für die durch das Bundesministerium geförderte Besuchsbegleitung begonnen. Anfang des Jahres 2005 begannen wir mit den Begleitungen. Inzwischen ist unser Betätigungsfeld stetig angewachsen und derzeit sind neun BesuchsbegleiterInnen in diesem Bereich nebenberuflich tätig. Alle verfügen über mindestens einen Quellenberuf, der den Anforderungen des Bundesministeriums entspricht (pädagogische, psychologische oder Beraterausbildung). Um als BesuchsbegleiterIn den oft schwierigen Anforderungen gerecht zu werden, bilden wir uns auch stets weiter und nützen unser Netzwerk von kompetenten Fachleuten.

Ein besonders wichtiger Teil wird auch der persönlichen Psychohygiene gewidmet, indem wir regelmäßig an Supervisionen und Intervisionen teilnehmen und einen intensiven Austausch im Team pflegen. Besuchsbegleitung ist ein vorübergehender und unterstützender Beitrag im Laufe eines Trennungsprozesses bzw. auf dem Weg in die Neuorientierung für Elternteile und ihre Kinder, die bei der Durchführung der Besuchskontakte Hilfe benötigen. Dies gilt ebenso für den Bereich von Wiederanbahnungen der Kontakte.

Eine der bedeutendsten Aufgaben der Besuchsbegleitung während der Kontakte ist es, das Wohl des Kindes zu wahren. Denn Trennung oder Scheidung bedeuten für Kinder auch „verlassen“ zu werden, ohne zu verstehen und auch „Angst“ vor der „Zukunft“ zu haben.

Meistens befinden sich diese Kinder in schwerwiegenden Loyalitätskonflikten und oft ist es gerade der/die BesuchsbegleiterIn, der/die den Kindern das Gefühl vermitteln kann: „Da ist jemand, der setzt sich für mich ein – der fragt mich, was ich möchte und nimmt meine Interessen ernst - da ist jemand da, der sich um meine Bedürfnisse kümmert und mich als Kind entlastet“.

Kenntnisse über entwicklungsbedingte Reaktionen der Kinder, Einfühlungsvermögen und Verständnis, das Wahrnehmen der kindlichen Interessen, die zurückhaltende Beobachtung, das unbedingte Eingreifen bei Grenzüberschreitungen sind nur einige der wichtigen Aufgaben der BesuchsbegleiterInnen. Wenn Trennende oder getrennt Lebende und ihre Kinder zu uns kommen, sind sie meist gerade in einer äußerst schwierigen Phase ihres Lebens. Verletzungen haben im Vorfeld stattgefunden, die noch nicht verarbeitet wurden. Entscheidungen wurden ohne Absprache getroffen, Vereinbarungen nicht eingehalten, Erwartungen blieben unerfüllt. Gespräche miteinander sind nicht mehr möglich, alle Verletzungen tun in der Seele weh und letztlich ist auch eine tiefe Enttäuschung präsent, da ja sämtliche ursprüngliche Träume zerflossen sind. Scham, Schuldgefühle, Hilflosigkeit und tiefe Verzweiflung, aber auch Wut, Hass, Stress, Unverständnis, einseitige Sichtweisen, psychische und physische Belastungen sind dann einige der Bereiche, die uns in der Besuchsbegleitung bei den ersten Gesprächen mit den jeweils getrennten Elternteilen und in weiterer Folge begegnen. Gerade hier ist es wichtig, diese Elternteile mit ihrer individuell erlebten Geschichte wahrzunehmen und anzunehmen, ohne zu werten.

Eine der bedeutendsten Aufgaben bei den Erstgesprächen ist es, eine „Basis“ für den Aufbau von Vertrauen zu schaffen. Sind es doch Menschen (meist Mütter), die dieses Vertrauen brauchen, um es überhaupt zu wagen, uns ihre Kinder für einen gewissen Zeitraum „anzuvertrauen“.In der begleitenden Praxis haben wir durchwegs positive Erfahrungen mit den besuchsberechtigten Elternteilen gemacht. Die begleitenden Besuchsberechtigten (meist sind es Väter) bemühten sich sehr, den Besuchskontakt für die Kinder so angenehm wie möglich zu gestalten. Nur wenige Väter fühlten sich ständig eingeengt. In dem Bewusstsein, dass die Beobachterrolle der BesuchsbegleiterIn sowohl förderliche, schützende als auch hemmende Funktionen einnehmen kann, müssen die BegleiterInnen unterstützend aber auch zurückhaltend agieren.

Da jede Familiengeschichte anders ist, jedes Kind individuell reagiert und jede einzelne Situation einmalig ist, kann es nur oberflächliche Verallgemeinerungen geben. Die häufigsten Problematiken, denen wir in unserer Tätigkeit als BesuchsbegleiterInnen immer wieder begegnen, sind die schwierigen Problematiken zwischen den Elternteilen auf der Paarebene. Wenn die Gefühle auf der Paarebene noch sehr stark vorhanden sind bzw. die Verletzungen noch nicht verarbeitet wurden, erschwert dies eine Zusammenarbeit im Sinne des Kindes. Hier erscheint es besonders schwierig, als Elternteil zum Wohle des Kindes zu agieren und die Besuchskontakte auch innerlich zulassen zu können.

In sehr vielen dieser Fälle wäre professionelle Hilfe zur elterlichen Unterstützung zu befürworten und auch angebracht. Kinder und Eltern brauchen aber auch Zeit für ihre individuelle Entwicklungen und ihren Weg in die Neuorientierung. Ganz bewusst möchte ich hier keine Fallschilderung aufzeigen, da die jeweilige Familie und ihre Geschichte das Recht auf Anonymität besitzt – die BesuchsbegleiterInnen haben die Aufgabe, zu unterstützen, wo es einer Unterstützung bedarf, haben eine neutrale Rolle einzunehmen und auch ihre Schweigepflicht wahrzunehmen. Durch den ständig steigenden Bedarf, den Ausbau eines flächendeckenden Angebotes der geförderten Besuchsbegleitung des Bundesministeriums ist es bereits in der Vergangenheit (und auch derzeit) immer wieder zu Budgetknappheiten gekommen. Daher konnten und können nach wie vor nur ein Teil der Familien in die Förderung aufgenommen werden. Eine Selbstfinanzierung durch die betroffenen Elterteile ist möglich und in ganz besonders schwierigen Fällen kann auch die Jugendwohlfahrt unterstützen.

Es berührt und beschäftigt uns immer wieder sehr, wenn wir Familien mangels Budgetmittel nicht aufnehmen können und auf eine Warteliste setzen müssen. Wissen wir doch, dass dann die Kinder oft für viele Monate ihren „Papa“ oder auch die „Mama“ nicht sehen können.
„Kinder sind unsere Zukunft“ und wir werden uns weiterhin für die Rechte der Kinder einsetzen. Wir werden weiterhin intervenieren und uns um ausreichende Budgetmittel für „diese Kinder“ bemühen, in der Hoffnung, dass die Rechte der Kinder intensiver wahrgenommen werden.

Kontakt:
Gabriele Pock
Projektleiterin der Besuchsbegleitung der Kinderfreunde Tirol. Dipl. KG-Pädagogin, Lebens- und Sozialberaterin, Mediatorin in Ausbildung und Supervision.


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