Verein für gewaltlose Erziehung

Gerechtigkeit siegt, aber nur im Film
Taschner, Rudolf (2011)
Gerechtigkeit ist ein Modebegriff. Viele tragen ihn im Mund und versuchen mit ihm im politischen Diskurs zu punkten. Damit verliert der Begriff an Substanz und gewinnt im gleichen Maß an Beliebigkeit. Gerecht ist alles und nichts.
Es tut daher gut, wenn sich jemand diesem Begriff im Stile großer Philosophen nähert: Kundig in Geschichte, vorsichtig im Urteil, mehr fragend als dozierend, langsam den Begriff umkreisend und so Erkenntnis schaffend, aber nicht letzte Wahrheit verkündend.
Schon zu Beginn von Taschners Buch findet sich die zentrale Botschaft: „Es gibt sie nicht auf Erden: Die Gerechtigkeit“. Taschner zeigt, dass ungeachtet dessen das Streben nach Gerechtigkeit das große Projekt der Menschheit ist. Mehr noch: Das Streben nach Gerechtigkeit ist das Humanum schlechthin.
Denen, die glauben, die Gerechtigkeit zu besitzen, ist mit Vorsicht zu begegnen: Sie machen die, die ihnen in diesem Glauben nicht folgen, einen Kopf kürzer (wie Robespierre oder Lenin/Stalin).
Wie jeder ordentliche Philosoph, der nicht bloß verschiedenste Lehrmeinungen gegeneinander stellt und damit den Leser letztlich ratloser zurücklässt, definiert Taschner die Gerechtigkeit indirekt und negativ: Es gibt sie nicht, die Gerechtigkeit zwischen den Generationen, die Gerechtigkeit in der Geschichte, die Gerechtigkeit im Recht oder die Gerechtigkeit in der Politik.
Auf allen Gebieten ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit aber ungebrochen. Als die religiösen Überzeugungen noch unhinterfragt und ungebrochen waren, manifestierte sich der Glaube an die Gerechtigkeit in einem Glauben an die Gerechtigkeit im jüngsten Gericht. Doch der wirklich Ruchlose hat sich dem Schrecken des jüngsten Gerichtes entzogen, indem er einfach nicht daran glaubte. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit dauert fort. Uns geht es nicht mehr so wie den großen Glaubenden, die entweder pessimistisch annahmen, dass kaum einer das Heil erreichen könnte (Augustinus) oder optimistisch hofften, dass vielleicht doch alle gerettet würden (Origines), sondern eher wie dem Mann vom Lande in Kafkas Parabel, der schließlich erkennen muss, dass nicht nur sein Warten darauf, durch die Türe zum Gesetz einzutreten, vergeblich ist, sondern auch, dass er in seiner Vergeblichkeit alleine ist.
Taschner schließt pessimistisch mit dieser Parabel Kafkas.
Warum soll es denen, die heute von der künftigen Gerechtigkeit schwärmen, anders gehen als Paulus im Areopag, als er von dem einen Tag predigte, an dem Gott den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, und er dem Spott und der Verdrängung der Zuhörer ausgesetzt war?
Jeder der Taschners Buch liest, wird zwar dadurch nicht gerecht werden, er wird aber eine gesunde Skepsis gegen die Vergewaltigung des Begriffs Gerechtigkeit in der politischen Auseinandersetzung entwickelt und viele neue Perspektiven gewonnen haben. Das Buch ist für Nachdenkliche vorbehaltlos zu empfehlen. Es stiehlt dem Leser auch keine Zeit. Der Interessierte liest es in einem durch und binnen weniger Stunden aus, bald darauf aber wieder und gewinnt immer neue Aspekte. Es sollte im Bücherregal in Griffweite und keinesfalls in der zweiten Reihe stehen.
Erwin Rotter
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