Verein für gewaltlose Erziehung

Peter Staudingers so gar nicht weihnachtlicher Dreiervorschlag
Die drei Bücher auf die ich im Folgenden eingehe, befassen sich nicht mit Kindererziehung, dennoch sollten zumindest die beiden letzteren Pflichtlektüre für jeden sein, der mit Kindern zu tun hat, denn sie bieten Antworten auf Fragen, worauf es in der Erziehung eigentlich ankommen sollte. Die Bücher, die ich hier vorstelle, haben eines gemeinsam. Sie zeigen, wie es im Klappentext von:
Dan, Ariely: Denken hilft zwar, nützt aber nichts. Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen. München: Droemer ,2008
heißt: „Wenn wir Entscheidungen treffen, gehen wir selbstverständlich davon aus, dass wir vernünftig abwägen. Doch weit gefehlt, denn in zahllosen Situationen lassen wir uns von Vorurteilen und eingeführten Weltsichten leiten und handeln dann oft zu unserem Nachteil“. Ariely ist Professor für Verhaltensökonomik am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er stellt eine Reihe von Experimenten vor, die zeigen, wie wir in ökonomischen Entscheidungen manipulierbar sind. Besonders bemerkenswert finde ich zwei Experimente. Das eine belegt, wie sich grundlegende Einstellungen bei emotionaler Erregung total verändern. Das andere dokumentiert erfreulicherweise, dass Menschen für eine gute Sache mehr Mühe aufwenden als für Geld.
Wesentlich tragischer sind die Probleme, mit denen sich die beiden nächsten Bücher befassen.
Philip, Zimbardo: Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag, 2008.
Zimbardo war Professor für Psychologie an mehreren amerikanischen Universitäten. Er hat das Stanford Prison Experiment durchgeführt. Dabei wurde im Keller der Universität ein Gefängnis simuliert und unter Freiwilligen durch Zufall ein Teil als Gefangene und ein Teil als Gefängniswärter eingeteilt. Es sollte untersucht werden, wie sich die Situation auf die Persönlichkeit der Versuchsteilnehmer auswirkt. Das Experiment sollte 14 Tage dauern, musste aber nach einer Woche von Zimbardo abgebrochen werden. Die Wärter hatten sich von ganz normalen Durchschnittsmenschen zu „Bestien“ gewandelt. Der Autor beschreibt minutiös denn Ablauf des Experiments und zeigt, wie die Situation Menschen zu einem Verhalten verleitet, das sie vorher voll ehrlicher Überzeugung ausgeschlossen hätten. Neben anderen Experimenten, die zeigen, zu welch schrecklichen Ergebnissen Autoritätshörigkeit führen kann, befasst sich das Buch dann ausführlich mit den Ereignissen im Abu Ghraib- Gefängnis im Irak.
Harald, Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 2007.
Die Lektüre dieses Buches erfordert einen guten Magen, ist aber wichtig. In erster Linie befasst sich der Autor mit den Sonderkommandos der Deutschen Wehrmacht, die mit den Massenerschießungen von Juden in der Sowjetunion befasst waren. Er untersucht, wie es dazu kam, dass ganz normale Soldaten, tausende wehrlose Männer, Frauen und Kinder kaltblütig exekutierten. Unter anderem führt Welzer an: „Die Beziehung von Männern, die unter wilhelminischen und nationalsozialistischen Erziehungidealen von Autorität und Härte erzogen worden sind, zu Kindern, ist gewiss nicht frei von Aggressionen und Allmachts-gefühlen gewesen, zumal dann, wenn sie als „Brut“ eine als feindlich definierten „Rasse“ gelten.“ Und: „ Wenn auch unter normalen Verhältnissen Gewalt gegen Frauen und Kinder zwar negativ bewertet…,gleichwohl aber in beträchtlichem Ausmaß praktiziert wird, verliert es den Charakter des Ungewöhnlichen, wenn in einem Zustand der Rechenschaftslosigkeit die Ausübung solcher Gewalt plötzlich freigegeben ist.“ Dies und eine Reihe anderer Faktoren führte dazu, dass das Töten zu einem ganz gewöhnlichen Job wurde. Folgerichtig machte man sich nur Gedanken, ob, wenn eine Mutter mit Kind daran kam, zuerst die Mutter oder das Kind zu erschießen sei. (natürlich zuerst das Kind, sonst wäre man Gefahr gelaufen, dass das Kind zu schreien beginnt und davonlaufen will, was den ordentliche Arbeitsablauf gestört hätte. Und der Autor zitiert aus einem Brief eines der Täter an seine Familie: „Über die Schießerei habe ich Dir schon berichtet, dass ich auch hier nicht versagen durfte“. Und an seine Kinder: Ihr könnt aber Vertrauen auf Euren Papa haben. Er denkt stets an Euch und schießt nicht über das Maß hinaus“.
Der besondere Wert dieser Bücher liegt darin, dass sie uns bewusst machen, dass jeder von uns Einflüssen und Vorurteilen ausgesetzt ist, die uns in Gefahr bringen, gegen unsere Überzeugung zu handeln. Wir müssen leidvoll zur Kenntnis nehmen: Die größten Verbrechen werden nicht von abartig veranlagten Psychopaten und Sadisten verübt, sondern von ganz normalen, braven Bürgern. Zimbardo führt am Ende seines Buches ein Zehnpunkte-Programm an, das einen widerstandsfähig machen und in jeder Situation helfen soll, human zu bleiben. Dieses Problem verdiente meiner Meinung nach eine eingehende Beschäftigung. Vor allem die Umsetzung solcher Ideen in der Erziehung wäre dringend erforderlich. Die meisten Erziehungsratgeber erschöpfen sich im täglichen Kleinkram. Aber wie die Geschichte lehrt, ist ein Kind, das brav sein Zimmer aufräumt, deshalb noch nicht davor gefeit, später, unter entsprechenden Umständen zur Bestie zu werden. Eine gewaltlose Erziehung ist die unabdingbare Grundlage, aber noch nicht hinreichend genug zur Sicherung einer humaneren Gesellschaft.
Alle drei Besprechungen von: Peter Staudinger
Obere Augartenstraße 26–28, 1020 Wien, Österreich
Telefon: +43 (0)699 - 8151 38 11 :: E-Mail :: Impressum